Reiseblog

Dies ist kein kommerzieller Blog, sondern ein öffentliches Reisetagebuch, das ich gern mit meiner Familie und allen anderen interessierten Lesern teile. Ich beschreibe meine persönlichen Erfahrungen und verwende ausschließlich von mir selbst erstellte und ggf. bearbeitete Bilder, die bitte weder gespeichert noch kopiert werden sollen.

Vielen Dank für dein Interesse und viel Spaß beim Lesen.

10.-25.07.2018 - Gelato, Jazz und großes Heimweh

(Perugia, Florenz, Bologna)

Hach, war Rom schön. Aber auch Großstadt. Wer meinen Blog etwas verfolgt, ahnt wahrscheinlich, was jetzt kommt: Balance, ich brauch wieder Ruhe. Und Grün. Am besten ganz viel davon. Umso besser, dass mir Leone, mein Gastgeber, nicht nur seine Heimatregion Umbrien wärmstens empfohlen hat, sondern ganz besonders das Städtchen Perugia, sozusagen das Herz Umbriens. Und dort findet zufällig Mitte Juli eines der wichtigsten internationalen Jazz Festivals statt. In meinem Kopf hörte ich schon innerlich das „Bummdidummbumdumm“ in dessen Takt die Finger auf das Mauspad tippten, als ich nach einer passenden Unterkunft suchte. Die war dank AirBnB auch wieder ruckzuck gefunden, ein Farmhaus außerhalb der Stadt sollte es sein. Mit Hund, Esel, Küche, Pool und ganz viel grüner Aussicht rundherum. Wunderbar. Nach zweistündiger Zugfahrt sowie halbstündiger Busfahrt ins Italienische Nirgendwo kam ich an einem Ort an, der mindestens genauso bilderbuchmäßig aussieht, wie dessen Website verspricht. Von der Bushaltestelle geht es einen mit Pappeln und später Lavendelbüschen gesäumten Schotterweg entlang bis in einer Sackgasse Pferde, Esel und ein traumhaft renoviertes Bauernhaus auftauchen. Ich dachte sofort an Käsewerbespots und hätte irgendwie auch gern ein Gläschen Wein zum Sonnenuntergang gehabt, der nicht weniger atemberaubend war, als ein Tauchgang im wohltemperierten Pool. Dort holte ich mir auch direkt am zweiten Tag einen prima Bauchsonnenbrand, denn mediterrane Sonne kennt mein weißes Bäuchlein noch nicht. Eine weitere positive Überraschung waren die Gäste hier, die meisten ebenfalls allein reisende Frauen, ein paar davon Freiwillige, die für Kost und Logie arbeiteten. Dabei variierte das Alter von Anfang 20 bis Mitte 40 und die Nationalitäten waren ebenso vielfältig. So verging eine Woche hier wie im Flug. Jeden Tag tat sich ein anderes Damengrüppchen zusammen und gemeinsam chillten wir am Pool, spazierten durch Sonnenblumenfelder, aßen in der großen Wohnküche oder draußen mit Blick in die Wälder wobei wir uns über Alltagsthemen genauso austauschten wie über Philosophien vom Sinn des Lebens. Wenn es zu viel wurde stiegen wir in den Bus und bewunderten kostenfreie Konzerte in der mittelalterlichen Innenstadt. Dazu gab es meistens hervorragende Pizza (zu meiner Freude problemlos vegan zu bestellen) und noch besseres Eis (ebenfalls vegan). Perugia ist ein wahrer Schatz und durch die Tatsache, dass Umbrien das einzige küstenfreie Gebiet Italiens ist, bleibt Massentourismus mit Abzockpreisen hier aus. Auch ohne Festival also meiner Meinung nach immer eine Reise wert. Doch der Zug nach Deutschland war bereits gebucht und ein paar Stationen wollte ich bis dahin noch abklappern.

       

Prossima stazione: Firenze! Wieder mit dem Zug ging es nun nach Florenz. Für drei Nächte hatte ich ein Hostel in der touristischen Innenstadt gebucht um mir nach 14 Jahren (Abi-Abschlussfahrt) den David und den Dom wieder anzuschauen. Der Sommer ließ temperaturmäßig weiterhin keine Wünsche offen und so kam ich ganz schön ins Schwitzen, als ich vom Hauptbahnhof bis zu den Galileo-Museen mit knapp 30kg Gepäck auf den Schultern gehen musste, da mir die Bus-Suche zu anstrengend war. Klingt ironisch, oder? Der Vorteil: Ich hatte die erste Sightseeing-Tour bereits mit diesem vormittäglichen Spaziergang absolviert und dabei Menschenmassen beobachtet, die den Begriff „Schlange stehen“ auf ein völlig neues Level brachten. „Jetzt weiß ich schonmal, was ich nicht tun werde!“ Und schon nach ca. 20 Minuten erreichte ich die große Altbauwohnung fast direkt am Arno, die im ganz eigensinnigen Stil zu einem kleinen Hostel umgebaut wurde. Eigensinnig, weil der Geschmack der rumänischen Eigentümerin ganz klar in jeder Ecke erkennbar war. Plastikblumen, rosa Floralmuster, gestickte Wandbilder und gesteppte Tagesdecken soweit das Auge reichte. Darüber schaute man aber nur zu gern weg, denn es gab frische Handtücher in neuen blitzblankgeputzten Bädern, die sogar mit Seife, Shampoo und Duschhaube ausgestattet waren. Ganz hosteluntypisch, aber sehr charmant. Dort bezog ich ein Einzelbett in einem Familienzimmer, in das sich am selben Abend noch Colton, ein sehr junger und ambitionierter Amerikaner gesellte, der nach seiner Italienreise ein Studium in Barcelona beginnen würde. Doch ihn lernte ich erst richtig kennen, nachdem ich etwas durch die Stadt streifte, ein veganes Restaurant fand und im Hinterhof der Galileo Museen den Deutschen Dokumentarfilm „Wenn Gott schläft“ auf großer Open Air Leinwand schaute. Zu diesem Anlass war sogar der Regisseur anwesend und beantwortete zusammen mit seiner Familie geduldig Zuschauerfragen. Tolle erste Eindrücke, Florenz! Hier fühlte ich mich auf Anhieb wohler als erwartet. Am nächsten Tag nahm ich direkt an zwei Touren teil (eine morgens und eine zum Sonnenuntergang), die auf Trinkgeldbasis zu Fuß die hauptsächlichen Sehenswürdigkeiten wie Rathaus, Davidstatue, Ponte Vecchio, Dom etc. mit eher unbekannten Fakten und Legenden vorstellten. Das Ganze wurde von jungen studierten Geschichtsliebhabern durchgeführt und ist ebenfalls sehr empfehlenswert. Bei Interesse sende ich gern einen Link per Mail. Nach dem Kulturprogramm kam ich nicht nur mit Colton ins Schwafeln über Karma, Karriere und Reisen, sondern lernte auch die beiden Australierinnen kennen, die das große Doppelbett in unserem Zimmer gebucht hatten. Die Freundinnen studieren Kriminologie in Sydney und waren für einen Monat auf anstrengender Europa-Rundreise. Wir tauschten uns alle über unsere Pläne für den nächsten Tag aus und stellten fest, dass wir unabhängig voneinander alle den Gleichen hatten. Nämlich spätestens um 7.30 Uhr den Zug nach Pisa zu nehmen, damit man in der Mittagshitze schon wieder auf klimatisiertem Rückweg ist. Gesagt, getan. Ich kochte kurz vor 7 für alle Kaffee, den Fußweg zum Bahnhof kannten wir auch schon und los ging’s zum angeblichen Weltwunder*. Noch vor 10 Uhr standen wir in einer Reihe von Touristen, die sich ulkig verrenkten, um auf dem Bild der hockenden, überforderten Handyfotografen die typische Ich-schieb-den-wieder-gerade-Pose einzunehmen. Und natürlich taten wir genau dasselbe. Ich kam mir allerdings besonders cool vor, weil mir die Ich-lehn-mich-einfach-rückwärts-dagegen-Pose einfiel. Und Colton knippste geduldig ein Instagram-Bild nach dem anderen für uns. Einziger Kommentar: „Ich bin schon mit zu vielen Mädels in Europa gereist, als das ich noch einmal ein Instagram-Foto versaue!“ Nach geglücktem Shooting zogen wir ein Ticket um die Kathedrale von innen zu besichtigen. Denn das Gelände des schiefen Turmes hat einiges mehr zu bieten als ein Foto und dann wieder ab nach Hause. Neben dem Ticketschalter kann man sich ca. 15 Minuten lang über die Geschichte und Bauweise des Turmes, sowie Lösungsansätze für dessen Instandhaltung anschauen. Darüber hinaus gibt es ein Baptisterium und eben der Dom zu Pisa, der von innen genauso schön ist, wie von außen. Man kann sich also gut und gern zwei bis drei Stunden dort aufhalten und, wenn man möchte, im Schatten der Kathedrale auf gut gepflegtem Rasen picknicken.

             

Am Nachmittag erkundete dann jeder noch etwas auf seine Weise Florenz und da wir am nächsten Tag auch alle wieder abreisten wurde abends nur noch gepackt und gequatscht. Für mich ging es dann mit dem Stadtbus nach Il Bigallo, einem nach dem Kloster benannten Dörfchen auf einem steilen Berg. In der Beschreibung hieß es, ich könnte den Bus so weit nehmen, bis es nur noch ca. 15 Minuten Fußweg einen machbaren Hügel hinauf wären. Was scheinbar keiner wusste war, dass der Busfahrer mich und mein Gepäck ganze 5 Stationen früher rauswerfen musste, da die Straße wegen Bauarbeiten gesperrt war. So ging es keine 15, sondern 45 Minuten steil bergauf, wieder mit meinen knapp 30kg Gepäck auf den Schultern und in praller Mittagssonne die asphaltierte Straße hinauf. An diesem Tag habe ich mich selbst beeindruckt um ganz ehrlich zu sein. Denn meine eine Pause im Schatten des weit und breit einzigen Olivenbaums, der groß genug war um etwas über die Straße zu ragen, war nach 10 Minuten und einem halben Liter Wasser auf Ex beendet um die finale Etappe anzutreten. Zum Glück sollten sich die Strapazen lohnen. Von der kleinen Dorfstraße aus kaum als solches erkennbar, war am Eingang des Klosters ein kleines Schild „Ostello Il Bigallo“ angebracht. Ich trat in den Hinterhof ein und wurde direkt von einem Mitarbeiter empfangen und herumgeführt. In diesem zur Budgetunterkunft umgebauten Kloster wurde wegen Denkmalschutz fast alles so gelassen, wie es war: die mittelalterliche Küche mit Feuerstelle (nicht mehr genutzt), der Schlafsaal, der einmal 24 Nonnen beherbergte, die Kapelle, die nun nach Restaurationen als Seminarraum dient und der mit Olivenbäumen und Lavendelsträuchern bepflanzte Garten, in dem ich mich für den Rest des Tages niederließ und die Aussicht über die Stadt genoss. Hier wollte ich fern von Touris im Zentrum ein ruhiges Wochenende verbringen. Tagsüber war es auch ruhig, doch nachts raubten mir zahlreiche Mitbewohner im 24-Betten-Schlafsaal den letzten Nerv. Licht an, Licht aus, schnarchen hier, quasseln da und das bei knapp 30°C ohne ein Lüftchen oder Klimaanlage. Dabei wurde mir das Ganze als „ultimatives Schlaferlebnis“ und „Upgrade“ verkauft nachdem ich eigentlich ein 5-Bett-Zimmer gebucht hatte. Für die zweite Nacht zog ich in ein Doppelzimmer ohne Aufpreis (Morgenmuffeligkeit macht’s möglich), dann ging ich lange mit einer Südamerikanischen Zimmernachbarin aus dem Nerv-Saal spazieren und unterhielt mich abends zur hostelorganisierten Pasta-Nacht zu einem Sonnenuntergang sondergleichen über Florenz mit weiteren Reisenden. Auch hier waren überwiegend Solotraveler abgestiegen um mal etwas anderes von Europa zu erleben. Am nächsten Morgen nahm uns (die Südamerikanerin und mich) nach dem Frühstück eine junge Deutsche in ihrem roten Hyundai zur Busstation mit und ich war selten so froh nicht bergab gehen zu müssen, denn für einen nochmaligen Marsch zum Stadtbus hätten sich meine Knie wahrscheinlich ganz herzlich bedankt. Und dann ging es schon wieder weiter. Arrivederci Firenze…

…Ciao Bologna! Die Stadt der Bögen. Über Bologna wusste ich nichts, außer dass es eine schöne Studentenstadt ist und dass ich von hier aus in ein paar Tagen mit dem Zug nach Berlin fahren würde. Wieder über AirBnB fand ich die wohl abgefahrenste private Unterkunft, die ich bisher so gesehen habe. Unweit vom Bahnhof ging es in den vierten Stock eines Hauses, bei dem ich mich bis heute frage, ob es wohl ein besetztes Haus war. Anstatt einer persönlichen Begrüßung gab es eine Sherlock-Holmes-mäßige Schnipseljagdmail, nach deren Anweisung ich ohne eigenen Schlüssel als erste in die Wohnung kam, wo mich an jeder Ecke weitere Hinweise zu Mülltrennung, Badnutzung usw. erwarteten. Das ganze sehr kreativ, detailverliebt und eindeutig politisch weit links orientiert. Der einzige Nachbar, der mir im Treppenhaus begegnete war ein Punk, Ende Dreißig mit Hund, der optisch einem Plattencover der 80er hätte entspringen können. Sehr sympathisch und vor allem authentisch. Nach und nach trudelten dann meine Mitbewohner für die nächsten drei Nächte ein: Ein Franzose, der seit Jahren nicht zuhause war und bis in den Iran und nach Pakistan gereist ist, ein mexikanisches Pärchen, das auf dem Weg zu Freunden nach Spanien war, eine Australierin auf der Suche nach ihren Italienischen Wurzeln und ein nörgelnder Holländer, den wir kaum zu Gesicht bekamen. Auch hier taten sich wieder unterschiedliche Konstellationen von Leuten zusammen, die gemeinsam die Stadt erkundeten, kochten, Pizza bestellten und Wanderpläne schmiedeten. Spätestens am zweiten Abend fühlten wir uns fast wie eine Familie als die Australierin und der Franzose alle mit Rotwein versorgten woraufhin die Mexikaner die Flasche Agavenschnaps auspackten, die eigentlich für die spanischen Freunde gedacht war. „Ach, dann kriegen die halt nur eine Flasche, kein Problem!“ So nahmen die Dinge ihren Lauf und da ich mittlerweile sehr selten noch Alkohol trinke, trällerte ich bereits nach dem zweiten Rotwein und dem ersten Schnaps meine Lieblingslieder von Justin Timberlake. Die Mexikanerin stimmte mit ein, die Jungs schüttelten die Köpfe, die Australierin schlief bereits, die Stimmung war zum quieken. Genau wie unsere Gesichter am nächsten Morgen. Aber auch kulturell hat Bologna außer scheinbar recht bekannten Türmen einiges zu bieten. Ich erlebte ein afrikanisches Festival auf der Piazza di Maggiore, besuchte eine Kirche, die ursprünglich ein römischer Tempel war über die Jahrhunderte 7mal umgebaut und somit vergrößert wurde und ich ging den weltweit längsten Bogengang einen Berg bis zur Wallfahrtskirche Santuario della Madonna di San Luca hinauf, mal wieder auf der Suche nach schönen Aussichten. Das gesamte Stadtbild ist von Arkaden bestimmt, unter denen man zu jedem Wetter spazieren, shoppen und Kaffee genießen kann. Und Bologna hat die älteste Universität Europas. Die habe ich nicht gesehen, aber wollte das an dieser Stelle erwähnt haben, da die Einheimischen recht stolz darauf zu sein scheinen. Alles in Allem rundeten diese letzten paar Tage meine Italienreise perfekt ab und ich freute mich nun auf die Fahrt nach Berlin.

Denn das Heimweh ließ mich seit den Nordindischen Bergen nicht los und ist Hauptgrund für diesen Europaaufenthalt. Italien war eine tolle Brücke zwischen indischem Chaos und deutscher Ordnung. Dort findet man beides und ich hatte das Gefühl mit diesen drei Wochen dazwischen den Kulturschock umgangen zu sein. Die Fahrt mit dem Zug über den Brenner war ein zusätzliches Highlight und in den nächsten vier Wochen würde ich Familie und Freunde besuchen. Deswegen gibt es hier nun einen Sprung direkt zu meiner Reise nach Vietnam, diesmal in besonderer Begleitung.

*Immer wieder höre ich von diesem und jenem Weltwunder. Die Liste der 7 aus der Antike ist uns noch aus dem Geschichtsunterricht bekannt (Pyramiden von Gizeh etc.), dazu gibt es noch die, der neuen Weltwunder (Taj Mahal usw.) und eine mit Naturweltwundern. Wo genau da jetzt der schiefe Turm zu finden sein soll konnte ich leider nicht recherchieren. Trotzdem behaupten die Italiener er gehöre irgendwo dazu. Von mir aus.

03.-10.07.2018 - Beim Jupiter!

(Rom)

Aus irgendeinem Grund hatte ich schon so ein freudiges Bauchkribbeln, als ich hundemüde morgens um 4 auf meinen verspäteten Nonstop-Flug von Dehli nach Rom wartete. Als ich siebeneinhalb Stunden später ankam, gesellte sich zu dem Bauchkribbeln noch ein unontrolliertes Grinsen, das auch die vierzehn Euro für die Zugfahrt vom Flughafen zum Hauptbahnhof nicht lindern konnte. Endlich wieder Europa! Vom Flieger aus sah ich Felder in Reih und Glied und Autos, die geregelt hintereinanderfuhren. Der Hammer! Nach fünf Monaten Chaos findet man das schon irgendwie cool. Aber am Hauptbahnhof, wo mich mein AirBnB-Gastgeber nach einiger Zeit abholte, kam dann doch der Kulturschock: Hier sind ja alle nackt!?! Wie können die Leute denn so rumlaufen, wir sind doch hier nicht auf der Bademodenmesse?! Das waren ernsthaft meine Gedanken bei knapp 30°C in langen Leggings und hochgeschlossener indischer Kurta* mit ¾-Ärmeln. Tatsächlich hatte ich mich sehr schnell daran gewöhnt lange, bedeckende, aber trotzdem luftige Kleidung in allerlei Farben zu tragen. Wenn eine Kurta mal keine Ärmel hat (Schultern sind aber trotzdem recht bedeckt), ist das schon freizügig und über Tanktops kommt meistens ein Schal. Ja, auch bei über 40°C. Man schwitzt schließlich sowieso, aber in langen Klamotten eben etwas privater und mit weniger Sonnenbrand. Den holte ich mir in der mediterranen Sonne natürlich direkt in den ersten Tagen. Indische Hitze hin oder her, die Strahlung hier ist anders und sehr intensiv.

Aber erstmal zu meiner Unterkunft: Über AirBnB fand ich Leone, Anthropologe und privater Englischlehrer, Reggae-Fan, yogainteressiert und Vegetarier (was in Italien bemerkenswert ist). Irgendwie hab‘ ich wohl ein Händchen dafür einen gewissen Schlag Menschen um mich zu versammeln. Wir verstanden uns auf Anhieb prima und er gab mir ein paar Tipps abseits der typischen Touri-Attraktionen, wie z.B. eine Reggae-Party in einer von Alternativen besetzten Festung (!) – Die spinnen, die Römer (klasse Party übrigens)! Seine Wohnung ist am Rande des Studentenviertels, wo es etwas ruhiger zugeht, man aber trotzdem bequem zu Supermärkten, Bars und Bahnhof laufen kann. Ich blieb direkt eine ganze Woche und da ich nur drei Nächte davon im Voraus gebucht hatte, zog Leone sogar für ein paar Tage zu seinen Eltern und überließ mir und anderen Gästen die Wohnung. Er wusste, dass wir auf einer Wellenlänge sind und ich mich seit der ersten Minuten ohnehin wie zuhause fühlte. Und hätte ich die Möglichkeit, ich würde sofort einziehen! Nach zwei Tagen grüßte ich Mohammed, den Gemüseverkäufer an der Ecke auf Italienisch und kannte den gesamten Ersatzfahrplan der öffentlichen Verkehrsmittel für die Sommerferien. Ich kochte endlich jeden Tag, morgens und abends, manchmal mit, manchmal für, manchmal ohne Mitbewohner. Volle Kanne Eat Pray Love (wer’s nicht kennt: das ist ein Film mit Julia Roberts). Aber jetzt halt vegan. Nachdem ich nämlich mal wieder eine Doku über die Vorzüge rein pflanzlicher Ernährung gesehen habe, entschied ich mich es wenigstens mal zu versuchen. Hierzu möchte ich mich allerdings auch erst öffentlich äußern, wenn ich tatsächliche Ergebnisse des Eigenversuchs habe.

Aber Touri-Sachen gehören selbstverständlich auch dazu. Und weil Rom’s Öffis wirklich kompliziert sind, verschaffte ich mir in den ersten Tagen einen Überblick mit dem Touri-Königsklassen-Sightseeing-Bus, in dem ich dann auch Tickets für die wichtigsten Attraktionen erstand ohne mir die kilometerlangen Schlangen an den Kassen anzutun. So ging es also zu Trevi-Brunnen, Vatikan und Sixtinischer Kapelle, Colosseum, Zirkus Maximus und Palatinhügel. Hier und da mit ausgesprochen guten Tourguides, die mir überraschend wenige Fragen offen lassen (sonst bin ich ja der Gruppenstreber mit 100 Fragen nach Schluss), zum Teil aber leider auch zu völlig abgezockten Preisen. Was mich dabei am meisten beeindruckte ist die Entwicklung dieser Stadt, über die sich die meisten Besucher scheinbar kaum informieren. Immer mit meinen Indien-Erfahrungen im Hinterkopf fiel es schon schwer mein Kopfschütteln über diese extrem verschiedenen Werdegänge zu verbergen. Angefangen bei den Brüdern Romulus und Remus (ich fasse mich mit der Geschichte kurz), uneheliche Zwillinge des Gottes Mars und einer Jungfrau -hust- (deren Namen ich immer wieder vergesse), die, da aufgrund der Ehre der Mutter verstoßen, von einer Wölfin großgezogen wurden. Jeder der beiden bekam einen Hügel zum Regieren und da Romulus den prachtvolleren Hügel hatte, wurde Remus neidisch und beschloss seinen Bruder zu töten. Romulus war aber stärker und tötete wiederum Remus. Und gründete Rom. So fing das also alles an. Mit Mord und Totschlag. Und auch sämtliche Regierungsformen danach waren gezeichnet von blutiger Eroberung, Intrigen und nicht zuletzt Rassismus. Hinrichtungen und blutige Kämpfe waren ebenso beliebte Ereignisse wie Theaterstücke oder Konzerte. Gladiatoren hatten Fans. Und mit Religionen muss ich gar nicht erst anfangen. Uns wurde im Colosseum detailliert erklärt, wie die Christen verfolgt und gefoltert wurden, da wird’s einem in der Mittagshitze schon ein bisschen schwummerig ums Yogiherz. Als das Christentum dann legalisiert wurde, wurde geplündert, zerstört, umgebaut und umbenannt was das Zeug hielt. Ein Grund mehr, warum ich den Vatikan (in dem wertvolle Teile des ganz alten Roms verbaut sind) etwas weniger cool fand als z.B. das Pantheon. Das Pantheon war einmal ein Tempel für alle Götter** und wurde dann einfach zur Kirche umfunktioniert. Meiner Meinung nach schade, ich hätte Jupiter und Venus auch gerne mal Hallo gesagt. :) Zu alldem wurden meine Kenntnisse zu Benito Mussolini auch aufgefrischt und mein einziger Gedanke in dem Moment war: Und Indien hatte Mahatma Gandhi. Ich möchte auf keinen Fall sagen, dass am anderen Ende der Welt alles besser ist, mich fasziniert vielmehr dieser Kontrast. Gemeinsamkeiten findet man allerdings auch: Beide Kulturen haben eine uralte komplexe Historie, die viele spannende Legenden beinhaltet; das Müllproblem gibt es offensichtlich auf der ganzen Welt; heiß ist es im Sommer auch etwas nördlicher des Äquators und wenn man auf die Karte schaut haben beide Regionen sehr lange Küstenlinien. Den Vergleich stelle ich aber aus einem bestimmten Grund. Beim Betrachten dieser Geschichten und Philosophien kam mir eine Idee: Zeitlich gesehen sind (je nach Überlieferung) die Brüder Romulus & Remus und Buddha bzw. Siddartha nicht sooo wahnsinnig weit voneinander entfernt. Buddha hat in Indien nach seiner Erleuchtung unter anderem gelehrt, wie mit negativen Gefühlen, wie Ärger oder Eifersucht umzugehen ist und wie man dieser Gefühle durch Meditation relativ einfach Herr wird um Frieden zu finden. Jetzt könnte man sich ja mal vorstellen, Buddha unternimmt eine Reise Richtung Westen und lehrt Remus, wie er seine Eifersucht auf den Bruder wegmeditiert anstatt dieser brutal nachgehen zu wollen. Wie würde die Welt heute wohl aussehen? Was wäre Rom für ein Reich geworden? Ich weiß, das ist eine sehr einfach gedachte Theorie basierend auf Legenden, aber manchmal stelle ich mir eine solche Welt ganz gerne vor. Yogiherz eben. Om Shanti.

Nach einer Woche Großstadtgetümmel in verschiedenen Vierteln vom studentischen San Lorenzo, wo ich untergebracht bin, über das romantische Trastevere mit tollen Aussichten bis zum urbanen Ostiense mit Streetart, Gasometer und veganem Katzenrestaurant, zieht es mich dann in ruhigere Gefilde. Bevor ich jedoch Leone’s Empfehlung nach Umbrien folge (soll ja die neue Toskana sein), steige ich am letzten Tag in den Zug nach Anzio, ein kleines aber gut besuchtes Fischerdorf ca. eine Stunde südlich von Rom. Dieser Ort hat alles: Bootshafen mit Restaurants, besetzte Strandliegen mit Sonnenschirmen, Klippen, Häuser direkt ans Wasser gebaut, sogar Höhlen, durch die man klettern kann, wenn man der Küstenlinie direkt am Wasser folgen möchte. Ein wunderbarer Tagesausflug mit ganz viel Entspannung, Meer und an Felsen aufgekratzten Füßen. Meiner Meinung nach ein Must-Do, wenn man etwas mehr Zeit in Rom hat.

     

*Falls ich das noch nicht erklärt hatte: Eine Kurta ist eine Art knielange Tunika, an den Seiten bis zur Hüfte geschlitzt, deswegen trägt man immer Leggings oder Hosen darunter.

**Im Grunde haben die Römer einfach griechische Götter umbenannt und sie zu ihren gemacht. Auch eine interessante Herangehensweise. So wurde Zeus zu Jupiter, Poseidon zu Neptun und so weiter. Finde ich persönlich auch spannender als nur von einem namenlosen Gott zu sprechen, der sich um alles kümmern muss.

03.-10.07.2018 - Beim Jupiter!

(Rom)

Aus irgendeinem Grund hatte ich schon so ein freudiges Bauchkribbeln, als ich hundemüde morgens um 4 auf meinen verspäteten Nonstop-Flug von Dehli nach Rom wartete. Als ich siebeneinhalb Stunden später ankam, gesellte sich zu dem Bauchkribbeln noch ein unontrolliertes Grinsen, das auch die vierzehn Euro für die Zugfahrt vom Flughafen zum Hauptbahnhof nicht lindern konnte. Endlich wieder Europa! Vom Flieger aus sah ich Felder in Reih und Glied und Autos, die geregelt hintereinanderfuhren. Der Hammer! Nach fünf Monaten Chaos findet man das schon irgendwie cool. Aber am Hauptbahnhof, wo mich mein AirBnB-Gastgeber nach einiger Zeit abholte, kam dann doch der Kulturschock: Hier sind ja alle nackt!?! Wie können die Leute denn so rumlaufen, wir sind doch hier nicht auf der Bademodenmesse?! Das waren ernsthaft meine Gedanken bei knapp 30°C in langen Leggings und hochgeschlossener indischer Kurta* mit ¾-Ärmeln. Tatsächlich hatte ich mich sehr schnell daran gewöhnt lange, bedeckende, aber trotzdem luftige Kleidung in allerlei Farben zu tragen. Wenn eine Kurta mal keine Ärmel hat (Schultern sind aber trotzdem recht bedeckt), ist das schon freizügig und über Tanktops kommt meistens ein Schal. Ja, auch bei über 40°C. Man schwitzt schließlich sowieso, aber in langen Klamotten eben etwas privater und mit weniger Sonnenbrand. Den holte ich mir in der mediterranen Sonne natürlich direkt in den ersten Tagen. Indische Hitze hin oder her, die Strahlung hier ist anders und sehr intensiv.

Aber erstmal zu meiner Unterkunft: Über AirBnB fand ich Leone, Anthropologe und privater Englischlehrer, Reggae-Fan, yogainteressiert und Vegetarier (was in Italien bemerkenswert ist). Irgendwie hab‘ ich wohl ein Händchen dafür einen gewissen Schlag Menschen um mich zu versammeln. Wir verstanden uns auf Anhieb prima und er gab mir ein paar Tipps abseits der typischen Touri-Attraktionen, wie z.B. eine Reggae-Party in einer von Alternativen besetzten Festung (!) – Die spinnen, die Römer (klasse Party übrigens)! Seine Wohnung ist am Rande des Studentenviertels, wo es etwas ruhiger zugeht, man aber trotzdem bequem zu Supermärkten, Bars und Bahnhof laufen kann. Ich blieb direkt eine ganze Woche und da ich nur drei Nächte davon im Voraus gebucht hatte, zog Leone sogar für ein paar Tage zu seinen Eltern und überließ mir und anderen Gästen die Wohnung. Er wusste, dass wir auf einer Wellenlänge sind und ich mich seit der ersten Minuten ohnehin wie zuhause fühlte. Und hätte ich die Möglichkeit, ich würde sofort einziehen! Nach zwei Tagen grüßte ich Mohammed, den Gemüseverkäufer an der Ecke auf Italienisch und kannte den gesamten Ersatzfahrplan der öffentlichen Verkehrsmittel für die Sommerferien. Ich kochte endlich jeden Tag, morgens und abends, manchmal mit, manchmal für, manchmal ohne Mitbewohner. Volle Kanne Eat Pray Love (wer’s nicht kennt: das ist ein Film mit Julia Roberts). Aber jetzt halt vegan. Nachdem ich nämlich mal wieder eine Doku über die Vorzüge rein pflanzlicher Ernährung gesehen habe, entschied ich mich es wenigstens mal zu versuchen. Hierzu möchte ich mich allerdings auch erst öffentlich äußern, wenn ich tatsächliche Ergebnisse des Eigenversuchs habe.

Aber Touri-Sachen gehören selbstverständlich auch dazu. Und weil Rom’s Öffis wirklich kompliziert sind, verschaffte ich mir in den ersten Tagen einen Überblick mit dem Touri-Königsklassen-Sightseeing-Bus, in dem ich dann auch Tickets für die wichtigsten Attraktionen erstand ohne mir die kilometerlangen Schlangen an den Kassen anzutun. So ging es also zu Trevi-Brunnen, Vatikan und Sixtinischer Kapelle, Colosseum, Zirkus Maximus und Palatinhügel. Hier und da mit ausgesprochen guten Tourguides, die mir überraschend wenige Fragen offen lassen (sonst bin ich ja der Gruppenstreber mit 100 Fragen nach Schluss), zum Teil aber leider auch zu völlig abgezockten Preisen. Was mich dabei am meisten beeindruckte ist die Entwicklung dieser Stadt, über die sich die meisten Besucher scheinbar kaum informieren. Immer mit meinen Indien-Erfahrungen im Hinterkopf fiel es schon schwer mein Kopfschütteln über diese extrem verschiedenen Werdegänge zu verbergen. Angefangen bei den Brüdern Romulus und Remus (ich fasse mich mit der Geschichte kurz), uneheliche Zwillinge des Gottes Mars und einer Jungfrau -hust- (deren Namen ich immer wieder vergesse), die, da aufgrund der Ehre der Mutter verstoßen, von einer Wölfin großgezogen wurden. Jeder der beiden bekam einen Hügel zum Regieren und da Romulus den prachtvolleren Hügel hatte, wurde Remus neidisch und beschloss seinen Bruder zu töten. Romulus war aber stärker und tötete wiederum Remus. Und gründete Rom. So fing das also alles an. Mit Mord und Totschlag. Und auch sämtliche Regierungsformen danach waren gezeichnet von blutiger Eroberung, Intrigen und nicht zuletzt Rassismus. Hinrichtungen und blutige Kämpfe waren ebenso beliebte Ereignisse wie Theaterstücke oder Konzerte. Gladiatoren hatten Fans. Und mit Religionen muss ich gar nicht erst anfangen. Uns wurde im Colosseum detailliert erklärt, wie die Christen verfolgt und gefoltert wurden, da wird’s einem in der Mittagshitze schon ein bisschen schwummerig ums Yogiherz. Als das Christentum dann legalisiert wurde, wurde geplündert, zerstört, umgebaut und umbenannt was das Zeug hielt. Ein Grund mehr, warum ich den Vatikan (in dem wertvolle Teile des ganz alten Roms verbaut sind) etwas weniger cool fand als z.B. das Pantheon. Das Pantheon war einmal ein Tempel für alle Götter** und wurde dann einfach zur Kirche umfunktioniert. Meiner Meinung nach schade, ich hätte Jupiter und Venus auch gerne mal Hallo gesagt. :) Zu alldem wurden meine Kenntnisse zu Benito Mussolini auch aufgefrischt und mein einziger Gedanke in dem Moment war: Und Indien hatte Mahatma Gandhi. Ich möchte auf keinen Fall sagen, dass am anderen Ende der Welt alles besser ist, mich fasziniert vielmehr dieser Kontrast. Gemeinsamkeiten findet man allerdings auch: Beide Kulturen haben eine uralte komplexe Historie, die viele spannende Legenden beinhaltet; das Müllproblem gibt es offensichtlich auf der ganzen Welt; heiß ist es im Sommer auch etwas nördlicher des Äquators und wenn man auf die Karte schaut haben beide Regionen sehr lange Küstenlinien. Den Vergleich stelle ich aber aus einem bestimmten Grund. Beim Betrachten dieser Geschichten und Philosophien kam mir eine Idee: Zeitlich gesehen sind (je nach Überlieferung) die Brüder Romulus & Remus und Buddha bzw. Siddartha nicht sooo wahnsinnig weit voneinander entfernt. Buddha hat in Indien nach seiner Erleuchtung unter anderem gelehrt, wie mit negativen Gefühlen, wie Ärger oder Eifersucht umzugehen ist und wie man dieser Gefühle durch Meditation relativ einfach Herr wird um Frieden zu finden. Jetzt könnte man sich ja mal vorstellen, Buddha unternimmt eine Reise Richtung Westen und lehrt Remus, wie er seine Eifersucht auf den Bruder wegmeditiert anstatt dieser brutal nachgehen zu wollen. Wie würde die Welt heute wohl aussehen? Was wäre Rom für ein Reich geworden? Ich weiß, das ist eine sehr einfach gedachte Theorie basierend auf Legenden, aber manchmal stelle ich mir eine solche Welt ganz gerne vor. Yogiherz eben. Om Shanti.

Nach einer Woche Großstadtgetümmel in verschiedenen Vierteln vom studentischen San Lorenzo, wo ich untergebracht bin, über das romantische Trastevere mit tollen Aussichten bis zum urbanen Ostiense mit Streetart, Gasometer und veganem Katzenrestaurant, zieht es mich dann in ruhigere Gefilde. Bevor ich jedoch Leone’s Empfehlung nach Umbrien folge (soll ja die neue Toskana sein), steige ich am letzten Tag in den Zug nach Anzio, ein kleines aber gut besuchtes Fischerdorf ca. eine Stunde südlich von Rom. Dieser Ort hat alles: Bootshafen mit Restaurants, besetzte Strandliegen mit Sonnenschirmen, Klippen, Häuser direkt ans Wasser gebaut, sogar Höhlen, durch die man klettern kann, wenn man der Küstenlinie direkt am Wasser folgen möchte. Ein wunderbarer Tagesausflug mit ganz viel Entspannung, Meer und an Felsen aufgekratzten Füßen. Meiner Meinung nach ein Must-Do, wenn man etwas mehr Zeit in Rom hat.

     

*Falls ich das noch nicht erklärt hatte: Eine Kurta ist eine Art knielange Tunika, an den Seiten bis zur Hüfte geschlitzt, deswegen trägt man immer Leggings oder Hosen darunter.

**Im Grunde haben die Römer einfach griechische Götter umbenannt und sie zu ihren gemacht. Auch eine interessante Herangehensweise. So wurde Zeus zu Jupiter, Poseidon zu Neptun und so weiter. Finde ich persönlich auch spannender als nur von einem namenlosen Gott zu sprechen, der sich um alles kümmern muss.

28.05.-25.06. 2018 - Ruhe!

(Dharamshala)

Rishikesh zu verlassen war schon irgendwie komisch und die Fahrt durch die Berge bei Nacht auch nicht gerade leicht verdaulich. Aber als ich morgens halb 6 an meinem Fensterplatz aufwachte riss ich die Augen sofort weit auf um nichts von dieser wunderschönen Umgebung zu verpassen. Die Sonne ging gerade hinter den Bergen auf und der riesige grüne Bus quälte sich weiter bergauf in den Tag hinein. Ich hatte nicht sonderlich viel schlafen können, da die Strecke nicht nur kurvig, sondern auch ziemlich holprig war, aber meine Stimmung war ungewohnt bombig als wir am frühen Morgen in McLeod Ganj ankamen. Freundlich wimmelte ich die Schar Taxifahrer ab, die wie gewohnt auf den ankommenden Bus wartete, und begab mich erstmal zum Chai-Stand, wo ich recht schnell mit einem mittvierziger Amerikaner, Bob, ins Gespräch kam. Weder hatte ich eine Unterkunft gebucht noch wusste ich in welcher Region ich überhaupt nächtigen möchte. Bob erzählte mir, dass er Berufstrommler ist und schonmal hier war. Er hatte vor ein Taxi in ein Dörfchen zu nehmen, wo es scheinbar recht viel Livemusik gibt und wo die Uhren etwas langsamer ticken. UND wo kein motorisiertes Fahrzeug hinkommt, da es statt einer Straße nur Treppen gibt. Ich foltge ihm ohne weitere Fragen zu stellen, denn im lauten Indien klang das zu schön um wahr zu sein. Im Taxi erfuhr ich von Bob die Struktur dieses Ortes: Direkt in Dharamshala bleibt kaum jemand. Man kann im wuseligen und lauten McLeod Ganj absteigen, wo sich der Sitz des Dalai Lama, aber auch alles andere befindet, was man für Sicherheit und Comfort um sich haben möchte (Ärzte etc.). Darüber liegt das Dorf Dharamkot, das Nonplusultra-Urlaubsziel für gitarrespielende Israelis, und daneben Bhagsu bzw. Upper Bhagsu, ebenfalls ein Bergdorf, ca. 20-30 Minuten zu Fuß von den anderen Ortschaften entfernt, dafür aber schön ruhig. Puh, richtige Entscheidung getroffen ihm nach Upper Bhagsu zu folgen. Da Hauptsaison war, fiel die Auswahl an freien Zimmern in den Guesthouses dort nicht besonders üppig aus, aber ich hatte Riesenglück nachdem wir unser gesamtes Gepäck ca. 15 Minuten lang spartanische Treppen hochhieven mussten. Eine Frau in traditioneller tibetischer Tracht hat genau ein Zimmer für umgerechnet nicht mal 6,50€ frei und Bob ist so nett es mir zu überlassen. Das könnte aber auch daran liegen, dass ich genug gejammert und geschnieft habe, da mich immer noch die Erkältung aus Rishikesh plagte. Was ich zum auskurieren wirklich brauchte war Ruhe und frische Luft und beides fand ich hier auf knapp 2000m Höhe bei angenehm kühlen Temperaturen plus super Ausblick, denn das Zimmer war im zweiten Stock. So ruhte ich mich erstmal eine knappe Woche aus, lies mir zum Teil sogar das hervorragende tibetische Essen vom zugehörigen Café ins Zimmer liefern und freundete mich mit Melissa aus dem Nachbarhaus an, die ebenfalls vorhatte länger zu bleiben und einen mehrwöchigen Ayurveda-Kurs besuchte. Melissa, Ende 30 aus Texas, seit einigen Jahren in der Türkei lebend, ist ein Magnet für interessante Sachen, die man noch so lernen könnte. Sie nimmt fast alle Kurse mit, das inspirierte mich irgendwie. Als ich sie eines Nachmittages in McLeod Ganj aus den Augen verlor während ich in der Schlange für den Geldautomaten stand, fand ich sie keine 20 Minuten später am Ende eines mit Tuch- und Souvenirläden gesäumten Ganges in einer dunklen Nische voller Klangschalen, wo sie sich gerade die Chakras mit selbigen ausbalancieren ließ. Ja, diese Situation gab es wirklich und als ich mein inneres Kopfschütteln etwas beruhigen konnte, fand ich mich in einer angeregten Unterhaltung über die heilende Wirkung von Vibrationen mit Taj, dem Verkäufer, und versprach ihm wiederzukommen und mehr zu erfahren. Er scheint wirklich Ahnung zu haben. Und als wäre das nicht genug gewesen, hielten wir auf dem Rückweg ins Dorf an einem Schmuckladen an, da Melissa die feine Art der Fertigung gefiel. Was soll ich sagen - bei Sunil, dem Macher und Verkäufer der schönen Schmuckstücke lernten wir in den nächsten Tagen nicht nur Ketten und Armbänder zu knüpfen, sondern auch Wirkungsweisen von Kristallen und Edelsteinen kennen. Ein anderer Backpacker meinte mal „Das hier ist Disneyland für Alternative, hier gibt es immer was zu tun und zu erleben!“. Damit hatte er recht.

  

So verpuffte die erste Woche geradezu, bis ich ins Tushita Meditation Center in Dharamkot umzog. Hier hatte ich mich nämlich schon Ende März für einen 10tägigen Kurs „Einführung in den Buddhismus“ angemeldet. Im Internet klang der Ablauf fast zu schön um wahr zu sein: Meditation, Philosophieunterricht, Yogastunden, geregelte Mahlzeiten und das ganze ohne Handy oder sonstige „Unterhaltungsgeräte“ und vor allem ohne zu sprechen. Herrlich! Dazu kam noch der irre Zufall, das genau in dieser Zeit seine Heiligkeit der Dalai Lama für drei Tage in seinem Tempel in erster Linie Schüler aber auch alle anderen Interessierten (überwiegend Mönche und Nonnen) unterrichtete. Besser hätte es für mich nun wirklich nicht laufen können - Karma, baby!

„Tushita ist ein seltsamer Ort.“ würden die meisten Ankommenden wohl sagen. Überall sind Schilder, die einem vorschreiben, man soll die Klappe halten und weder Spinnen noch andere Tiere töten – auch nicht aus Versehen. Man darf keine Gifte, wie Tabak oder Alkohol zu sich nehmen, nicht knutschen oder Händchen halten, weder Knie noch Schultern nackig machen und klauen natürlich auch nicht. Affen gibt es mehr als Menschen und verjagt werden die auch nur so halbwegs. Ein paar gepflegte Hunde laufen rum und die Gebäude, in denen Männer und Frauen getrennt untergebracht sind, wirken bis auf eines eher schlicht. Das Haupthaus ist das Gegenteil von schlicht: groß, bunt, geschnörkelt und verziert. Schon komisch, oder? Alles in allem ist Tushita eine Oase der Entspannung ohne Bambus, beige Handtücher und Ylang-Ylang. Einfach nur Ruhe. Mein Herz hüpft schon wieder im Kreis und beruhigt sich ganz schnell wieder, wenn ich im Nachhinein davon schreibe. Denn dieser Ort hat mein Leben unerwartet stark geprägt und verändert. Nicht spürbar im ersten Moment, vielmehr mit jedem voranschreitenden Tag danach. Aber erstmal kurz zum Ablauf meiner 10 Tage dort: Am ersten Tag wurde mit über 100 anderen, überwiegend jungen Teilnehmern eingecheckt, gezahlt und Handy abgegeben, Karma-Yoga-Job* abgeholt (ich war dafür zuständig die Hunde zu bürsten – Jackpot!) und wir erfuhren, wie die kommenden Tage so ablaufen. Dann gab’s hervorragendes Abendessen zu dem noch gesprochen werden durfte und das war’s. Ab dem nächsten Morgen war der regelmäßige Gong unsere Uhr und von mir aus könnte das nur noch so laufen. Immer 10 Minuten bevor etwas passierte oder man irgendwo sein musste gab es einen gut hörbaren Gong, von dem man auch morgens geweckt wurde. Ohne Uhr immer pünktlich, wer träumt denn nicht von so einem Leben? Die Tage 2-5 sahen alle relativ gleich aus: sehr frühes Frühstück, ca. 20 Minuten steil bergab gehen um zum Tempel des Dalai Lama zu gelangen, ihm lauschen, den selben steilen Berg in doppelter Zeit wieder hochschwitzen, Mittagessen, Buddhismus-Unterricht mit Päuschen, Abendessen, Meditation, Bett. Diese Tage unterschieden sich nur wenig, aber der Unterricht seiner Heiligkeit war jeden Tag natürlich einzigartig. Die ersten drei Tage las er aus einem uralten heiligen Buch (Shanti Deva’s way to the Boddhisattva Life) vor, erklärte die Texte ein wenig und beantwortete ganz geduldig die Fragen der Schüler. Dabei sollte ich erwähnen, dass der Unterricht in tibetischem Sanskrit** stattfand und über ein kleines Funkradio wie im Autokino übersetzt wurde, für jede Sprache gab es eine andere Frequenz. Und hier kam ich trotz fließendem Englisch schon hart an meine Verständnis-Grenzen. Die deutsche Übersetzung war qualitativ zwar besser als die englische, dafür aber schlechter mit dem Radio zu empfangen und mal ganz ehrlich – welcher Buddhismus-Neuling versteht denn in seiner ersten Woche schon die Tiefe Bedeutung von Leere (Emptiness), die hier nicht nur philosophisch erwähnt, sondern mit Quantenphysik untermalt wird? Trotzdem war das alles natürlich super spannend und zwischen hunderten dunkelrot gekleideten, glatzköpfigen Mönchen und Nonnen auf dem Boden zu sitzen und mit ihnen Brot zu essen und Tee zu trinken gehört ja auch nicht unbedingt zu meinem Alltag. Toll toll toll, ich freue mich noch heute darüber, dass das einfach so geteilt und für Jedermann+frau möglich gemacht wird. Übrigens für 10 Rupien, die man bei der Registrierung zahlt, das sind umgerechnet etwas mehr 12 Cent. Achso und am vierten Tag gab der Dalai Lama eine spontane Audienz für Fremde, in der Fragen auf Englisch beantwortet und Gruppenfotos gemacht wurden. Ich bin also in einem Bild mit seiner Heiligkeit höchstselbst, habe ihn aus nächster Nähe gesehen, vier Vormittage lang seinen Lehren gelauscht und jetzt bin ich echt Fan. Glücklicherweise wurde in den Tagen danach nochmal alles Gesagte ganz detailliert und verständlich erklärt. Die Tage 6-8 waren also nach wie vor vom Unterricht geprägt, aber es wurde am frühen Morgen und am Nachmittag mehr diskutiert (aber nur über Buddhistische Themen und zu vorgeschriebenen Zeiten) und meditiert. Tag 9 war dann richtig anspruchsvoll, denn wir haben gefastet und im Grunde nur noch meditiert. Und am zehnten Tag gab es ein Vormittagsprogramm, Picknick, Gruppenabschlussfoto und Check out. Und ich so: Nee! Das kann’s noch nicht gewesen sein! Also blieb ich noch einen Tag länger, half beim Aufräumen und putzen (wieder Stichwort Karma Yoga) und schaute im Seminarraum den Film Kundun an, der dieses ganze Erlebnis noch abrundete.

Fazit: Dauerhaftes Schweigen find ich prima, vor allem, wenn  alle mitmachen, was in dieser Gruppe leider nicht der Fall war. Das nehme ich aber keinem übel, weil ich jetzt sowieso total entspannt bin und weil durch die Besuche des Tempels in der wuseligen Stadt sowieso alles etwas durcheinanderkam. --- Wenn man mal wirklich Urlaub machen will, muss das Handy abgegeben werden. Dies war mein dritter Kurs, den ich auf diese Weise verbrachte und jedes Mal komme ich an diesen Punkt der Erkenntnis. Ruhe bekommt eine andere Qualität, wenn man einfach mal gar nicht erreichbar ist. --- Mit Buddhismus muss und werde ich mich weiter beschäftigen. --- Ich habe unglaublich viel über die Geschichte Tibets und die Lebensweise der Tibeter gelernt. Die westliche Welt sollte sich da mal eine dicke Scheibe von abschneiden, denn das friedliche Durchhaltevermögen und dieser scheinbar unbezwingbare, gleichzeitig aber keinesfalls extremistische Glaube sucht Seinesgleichen. --- Meditation hatte ich bereits in vielen Varianten kennen gelernt, praktiziert und auch damit experimentiert, aber die simplen Techniken des tibetischen Buddhismus begeistern mich jeden Tag weiter. --- Während dieses Kurses den Siddharta von Hermann Hesse zu lesen gab diesem Erlebnis noch eine extra Sahnehaube. An dieser Stelle noch einmal lieben Dank an meine Yogis Pia und Mario, die mir eine praktische Taschenbuchausgabe davon auf meine Reise mitgaben!

Während meiner Zeit in den Bergen begann dann auch so langsam der Monsun. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich der Meinung die Regenzeit fällt in den Bergen weniger ergiebig aus, aber Pustekuchen! Für knapp 2 Wochen regnete es mal eine spontane Stunde, mal einen ganzen Tag wie aus Eimern, zum Teil auch mit Hagel. Ohne Aussicht auf Besserung in den nächsten zwei Monaten. Und so kam es, dass ich eines Morgens kurz nach Tushita die Vorhänge meiner Sechseurofünfzigluxusunterkunft aufzog und zu mir und der Außenwelt meinte: „Indien, ich glaube, wir brauchen ne Pause!“ Den Rest des Tages verbrachte ich im Worldwideweb und am späten Nachmittag war es entschieden: Zwei Wochen später würde ich nach Rom fliegen. Warum Rom? Keine Ahnung! Vielleicht, weil ich noch nie da war, vielleicht wegen dem Wetter, vielleicht weil der Flug bezahlbar war, vielleicht aber auch aus einem Grund, der mir erst in zwei oder mehr Wochen ersichtlich wird. Und natürlich geht es dann von Italien aus auch mal in die Heimat. Machen wir uns nichts vor, nach 5 Monaten in einem Land, das anders ist als alle anderen, kann man schon auch mal bisschen Heimweh kriegen. Aber bis es losgeht ist ja noch etwas Zeit und vielleicht könnt ihr euch denken, wie ich die verbracht habe?!

Mit Melissa und Sunil habe ich weiter Chai geschlürft und Schmuck geknüpft, mit Taj habe ich Klangschalen geläutet und Chakras ausbalanciert und mit einer Gruppe gitarrespielender Israelis (Scherz, es gab keine Gitarre.) war ich für zwei Tage bis auf 3300m Höhe wandern, als es dann doch mal nicht geregnet hat. Dort oben bekam ich zum ersten Mal wirkliches Gefühl für den Himalaya, eine Idee von Naturgewalt und gleichzeitig Ruhe und Frieden, und dazugelernt habe ich auch wieder: Wenn man schon mit neuen – nicht eingelaufenen – Wanderschuhen loszieht, sollte man UNBEDINGT einen Erste-Hilfe-Kasten oder eben vier wandererfahrene Backpacker dabeihaben, die sich dann freundlicherweise das Auslachen für offene Fersen verkneifen. Und vor dem Abstieg unbedingt auf halblegale Genussmittel verzichten, auch wenn es in der Runde noch so viel Spaß macht!!! Wenn bei 30°C ohne Schatten die Geier über einem Kreisen (Das ist kein Scherz.) und man auf Schieferstufen dem Abgrund entgegenblickt kann man schnell mal paranoid werden. Naja, am Ende bin ich ja halbwegs gesund und froh unten angekommen, macht’s aber bitte trotzdem nicht nach!

     

Zwischen Dharamshala und Rom liegt noch eine Woche in Rishikesh, in der es aber eigentlich nur darum geht Freunde zu besuchen und letzte Indien-Besorgungen zu machen, deswegen lasse ich sie an dieser Stelle aus und sage Namasté, Byebye, Indien! Und Ciao bella Roma!

*In vielen Kursen gibt es mittlerweile Karma-Yoga-Jobs, die dazu dienen den Ablauf etwas reibungsloser zu gestalten, vor allem, wenn die Gruppen größer sind. Dabei geht es um Alltagstätigkeiten, wie Geschirr spülen, durchfegen, Müll rausbringen usw. Karma Yoga heißt aber eigentlich eine Handlung nach bestem Wissen und Gewissen auszuführen ohne jegliche Gegenleistung dafür zu erwarten, nicht einmal Dankbarkeit oder dergleichen.

**Sanskrit wird als die Mutter aller Sprachen bezeichnet und ist angeblich älter als Latein oder Ägyptische Hieroglyphen. Sie umfasst 54 Buchstaben und ist eine sehr neutrale Sprache, die keinerlei negative Begriffe beinhaltet. Eben wie Latein entwickelten sich aus ihr viele verschiedene Sprachen, wie Hindi oder eben Tibetischer Sanskrit.

17.03.-27.05. 2018 - Die Quelle - oder - Jetzt wird's intensiv

(Rishikesh)

Ach, Rishikesh, wo fange ich bloß an von diesem heiligen Ort zu berichten?

Vielleicht erstmal dabei, was mich bewegt hat, diese Stadt zu besuchen. Rishikesh ist nämlich der heimliche Grund meiner gesamten Indienreise. In meiner ersten Yogalehrerausbildung lernten wir die sogenannte Rishikesh-Reihe mit 12 grundlegenden Asanas (Haltungen) kennen, seitdem verfolgt mich dieser Name bewusst wie unbewusst. Hier ist Yoga entstanden, hier trank Shiva das Gift, das seine Haut blau färbte, hier fließt der Ganges* durch die Fußhügel des Himalaya. Die Entscheidung hier meine dritte mehrwöchige Yogalehrerausbildung zu absolvieren fiel mir entsprechend nicht sonderlich schwer.

Als ich abends mit dem Bus von Delhi hier ankam traf mich fast der Schlag. Es war dunkel, die Rikschafahrer gaben alles um mich über’s Ohr zu hauen (nicht geschafft!) und das Wort Yoga kann man eigentlich schon nach den ersten paar Metern nicht mehr ertragen, so aggressiv werden die Kurse und Trainings hier beworben. Generell bestehen die Ortsteile um die Ganges-Brücken Laxman Jhula und Ram Jhula zum größten Teil aus Geschäften, Cafés, Budgetunterkünften und Yogaschulen. Den ersten Tag habe ich mich gefragt, wo denn die Einheimischen sind. Wie ich später erfuhr: Im 5km entfernten Stadtkern, wo auch sämtliche Einkäufe zur Hälfte des Preises erledigt werden können.

Trotz des anfänglichen Tourismus-Schocks hatte mich die gechillte Atmosphäre hier erstaunlich schnell im Griff. Das kann auch an dem völlig unverhüllten Marihuana-Konsum liegen, der hier neben Yoga- und diversen Heiler-Kursen praktiziert wird. Der Joint zum Tee ist hier sogar noch alltäglicher, als im südlicheren Goa oder auf dem Reggae Jam in Bersenbrück. In jedem Guesthouse sowie in den angesagten Cafés mit Aussicht auf den Fluss gibt es Künstler, die die Wände bemalen, Gitarre spielen, trommeln, jonglieren, Hoolahoop üben und Mantras singen. Jedes nur erdenkliche Klischee über diesen Lebensstil wird erfüllt bis hin zu bunten Shiva-T-Shirts und orangenen Hosen mit Om-Muster. Vieles davon ist natürlich nur äußerer Schein. Durch das tragen bunter Kleidung wird man ja nicht gleich zum inneren Paradiesvogel, aber für viele wandernde Aussteiger auf der Suche nach ihrer spirituellen Quelle ist das hier das Paradies.

Das weiß ich so genau, weil ich mich selbst für eine Weile dazuzählen würde. Natürlich bin ich für die Ausbildung hier, aber das schnelle Reisen führte mich bereits über eine Woche eher hier her um etwas ankommen zu können. Aber was macht man mit dieser Zeit? Alles und nichts. Die ersten Tage verbrachte ich in Cafés, am heiligen Fluss und im Hostel. Bis ich einem alten Bekannten aus Madurai (siehe unten, dritter Stop) wiedergetroffen hatte, mit dem ich mich direkt zu einem 6tägigen Tantra-Kurs einschrieb. Arnaud, seines Zeichens Knoblauchfarmer aus Französisch Kanada, ist in meinem Alter und ebenfalls an allem interessiert, was einen spirituell irgendwie weiterbringt, rational trotzdem halbwegs erklärbar ist und sonst nirgends angeboten wird. Also warum nicht eine Woche mit Hatha Yoga, ekstatischem Tanz und Gruppenmeditationen füllen? Dazu gibt es Erklärungen zu geheimen Praktiken, die dazu führen sollen sexuelle Energien so in den Alltag zu integrieren, dass sie uns zu erfolgreicheren Menschen machen… Ha, super! Das Ganze wird als Tantra Yoga verkauft und ist – im Nachhinein, nach intensiver Recherche betrachtet – dem Namen nach totaler Unsinn. Das echte Tantra hat nämlich nichts mit sexuellen Praktiken zu tun und kann nicht einfach so erlernt werden, vielmehr ist es eine Tradition von Heilmethoden, die geheim innerhalb weniger Familien weitergegeben werden und deren Fähigkeiten unsere Vorstellungskraft bei weitem übersteigen. Dessen ungeachtet wird der Name für diese Kurse, intime Massageangebote und andere zwielichtige Praktiken schlichtweg missbraucht. Sauerei, oder? Aber der Kurs hatte auch Gutes. Die Gruppe war ganz international gemischt, die Erfahrungen aus verschiedenen Meditationen und Gruppenübungen haben mich persönlich wachsen lassen und getanzt hab ich wie von der Tarantel gestochen. Und ich habe eine wunderbare Freundschaft mit Arnaud dazugewonnen, für die ich auch im Nachhinein sehr dankbar bin.

Direkt nach dem Tantra ging es dann endlich mit der Vinyasa Yoga School los. In einem Monat intensiver und klar strukturierter Ausbildung erlebte ich:

  • drei Feuerzermonien** (eine davon zum Geburtstag der Mutter Ganga, ein Foto von mir bei der Opfergabe landete in der Lokalzeitung)
  • eine Erkältung, die mich noch über einen Monat lang verfolgen würde
  • einen überdehnten Knöchel (ebenfalls Langzeitgefährte)
  • vier verschiedene Massagen
  • unzählige Schweißperlen
  • ein paar Tränen natürlich auch
  • viel eigene Unterrichtserfahrungin Englisch
  • zwei neue Yogastile
  • fortgeschrittene Techniken für alle mir bekannten Yogabestandteile
  • Tiefe der Philosophie und Geschichte des Yoga
  • wunderbare neue Freundschaften, aber auch einen Besuch von Kate, die für ein paar Tage vorbeikam
  • eine spirituelle Begegnung in einer Meditationshöhle
  • die Kraft meiner Stimme
  • psychologische Tricks
  • äußerst indische Hilfestellungen in anspruchsvollen Körperhaltungen (die von außen unsagbar schmerzhaft aussehen, aber soooooo gut tun)
  • täglich Chapati, Reis und Porridge
  • zwei Wochen Teilfasten (16 Stunden über Nacht) und
  • den Genuss eines Einzelzimmers mit Doppelbett und eigenem Bad (das mach ich jetzt öfter)

       

Puh. Erstmal wieder tief durchatmen und wirken lassen. Sollte man meinen.

Doch nach dem Yoga ist vor dem Reiki. Kaum das Zertifikat (für dessen Übergabezeremonie ich mich so richtig in Schale bzw. in Sari*** geschmissen habe) der Yogaschule in den Händen, lerne ich selbige zum Heilen einzusetzen ohne die andere Person dabei zu berühren. Klingt nach Hokuspokus, ist aber ernstzunehmende Energiearbeit aus Japan, die zwar nicht mit unserer westlichen Wissenschaft erklärbar, sehr wohl aber in ihrer Wirkung nachweisbar ist. Abgesehen davon halte ich mich für eine bodenständige Persönlichkeit und habe es am eigenen Körper erfahren. Man findet nahezu in jeder Kultur ähnliche Modelle, wie Handauflegen, Prananadi und so weiter. Warum das häufig als Scharlatanerie abgetan wird ist relativ schnell erklärt: Es gibt leider viele selbsternannte Heiler, die sich weder an die Regeln halten noch die Intention des Heilens verfolgen, sondern vielmehr nur Geld machen wollen. Mit diesem Hintergrund kann Energiearbeit nicht zielführend funktionieren und sogar zu Traumata führen, wenn die behandelnde Person entsprechend negatives Gedankengut mitbringt. Also Augen auf bei der Wahl der alternativen Heilmethoden und deren Meister. Nun habe also auch ich den ersten Reiki-Grad. Was ich daraus mache weiß ich allerdings noch nicht so genau um ehrlich zu sein.

Nach diesem dritten Kurs mit tiefgründigem Input reichte es mir nun erstmal an Zertifikaten, trotzdem fühlte ich mich rastlos und suchte weiter nach Beschäftigung. So kam es, dass ich in den Tagen nach Reiki die Inhaber der Yogaschule, in der das Ganze statt fand, besser kennen lernte. Es dauerte nicht lange bis wir herausfanden, dass wir die gleichen Zukunftsabsichten verfolgen und bald zusammenarbeiten wollen. So gestalteten sich die folgenden Wochen einerseits entspannt für mich, da ich nun Zeit hatte verschiedene Yogaklassen aller Arten unverbindlich zu besuchen (die sind hier ja Tür an Tür), andererseits hatte ich mit Vorbereitungen und Recherchen für die erwähnte Zusammenarbeit eine sinnbringende Aufgabe für die heißen Nachmittage in Cafés.

Trotz dieser rasanten Entwicklungen packte mich die Reiselust recht schnell wieder. In erster Linie, da die Hügel hier richtig Lust auf noch höhere Berge machen, aber auch, weil die Hitze immer hinderlicher im Alltag wird. Seit Ende April waren hier über 40°C an der Tagesordnung und die wenigsten Räume, in denen ich mich aufhielt, hatten eine Klimaanlage. Das Gute daran ist der abnehmende Tourismus, das Schlechte ist zunehmende körperliche Bewegungsunlust bis hin zu Lähmungserscheinungen nach den Mahlzeiten. Irgendwie bekam ich es aber hin mir wenigstens einen Motorroller (Scooter) für eine Woche zu mieten und ein paar Tempel, entlegenere Yogaschulen und generell die umliegende Region zu erkunden. Die Fahrten zu den Tempeln Kunjapuri und Neelkanth waren witzig und skurril:

Mit meiner Vinyasa-Yoga-Schul-Freundin Leevke aus Deutschland nahm ich mir vor, morgens 4 Uhr in die Berge zu düsen, um vom hochgelegenen Tempel Kunjapuri aus den atemberaubenden Sonnnenaufgang zu beobachten und die Aussicht bis zum Himalaya zu genießen… Habe ich erwähnt, dass ich nachtblind bin? Das war schonmal der erste Funfaktor unserer Tour. Nächstes Highlight: die Straßenverhältnisse, die von mittelgroßen Schlaglöchern bis verkraterte Buckelpiste alles zu bieten hatten. Wenn dann auch noch ein Jeep überholt könnte man in der hinterlassenen Staubwolke nichtmal eine potenziell straßenüberquerende Elefantenfamilie sehen, die mein einziges Bedenken der Fahrt auslöste. Aber no risk, no fun, das schaffen wir schon! Wenn vielleicht auch nicht rechtzeitig, denn in der Dunkelheit verfuhren wir uns noch zweimal, bis wir endlich auf die Zielgeraden feststellen mussten, dass die Wolken nach oben nicht dünner wurden. Wir kamen also morgens um 6 im dicksten Nebel an um auf genau einen sichtbaren Baum in 10m Entfernung zu starren, sonst war alles gräulich weiß um uns. Naja, dann eben einfach nur Chai, warme Gedanken und Spaß mit den Hunden, die frei im Tempelgelände spielten, bis es zurück ging. Natürlich war ich wegen potenzieller Fotoshootings viel zu dünn bekleidet, Hauptsache gut aussehen in luftiger Kurti (eine Art Tunika), Leggings und Flipflops bei schätzungsweise 12°C und dünner Bergluft. Es gibt Dinge, die lerne ich auch beim dritten Mal frieren nicht. Trotz allem zähle ich diesen Trip zu meinen bisherigen Indien-Höhepunkten, denn nach müde kommt doof, und so haben Leevke und ich in einer Tour Witze gerissen, gesungen, bei tiefen Schlaglöchern gejubelt, wenn unsere Hintern wieder auf dem Scooter landeten und besonders auf dem hellen Rückweg natürlich die Landschaft und Ruhe genossen.

Am nächsten Tag war ich angefixt vom Rollerfahren außerhalb des Stadtverkehrs und so fuhr ich spontan mit einer weiteren Yoga-Freundin aus Norwegen zu dem Ort, an dem der Sage nach Shiva das Gift trank, das ihn blau färbte, den Neelkanth Tempel (Neelkanth ist eine Inkarnation Shivas). Wenn man ein Tuch auf dem Kopf trägt hält man es sogar ganz gut im heißen Mittagsfahrtwind aus, stellten wir fest, denn diesmal musste Frühstück vorher schon sein. Nach ca. einer Stunde Fahrt erreichten wir ein Dorf voller religiöser Touristen (hauptsächlich Inder), Straßenstände voll Ramsch, gekühlter Getränke und Opfergaben für Shiva und Verkäufern, die versuchten uns zum bezahlten Parken hinter ihren Ständen zu bewegen, da man angeblich nirgends kostenlos parken kann. Aber nicht mit mir, solche Tricks kenne ich schon! Zwischen dem ganzen Getümmel war es tatsächlich schwer den richtigen Ein- und Ausgang  zum kleinen, aber kunterbunten Tempel zu finden, der ebenfalls voller Leute war. Hier holten wir uns unseren Segen ab, gaben ein kleines Geldopfer, erkundeten das denkbar kleine Tempelgelände und ließen uns zu unzähligen skurrilen Fotos mit indischen Kindern überreden. Auch dieser Ausflug war alle Mühen wert, denn Tempelatmosphäre ist für mich immer besonders und auch in dieser Richtung ging es in die Berge auf kurvigen Straßen in herrlicher Natur.

Bei 46°C hört für mich aber der Spaß auf, deswegen buchte ich nun Ende Mai endlich meinen Bus nach Dharamsala. Denn ich will sehen, wo der Dalai Lama wohnt und wo alle Backpacker, die ich in Rishikesh kennen gelernt habe, jetzt bei angenehmeren Temperaturen chillen und wandern gehen. Außerdem werde ich mehr über Buddhismus erfahren und viel meditieren. Hurra!

Sicherlich gäbe es über meine Zeit am Ganges noch viel mehr zu erzählen, in zwei Monaten passiert so viel, Rishikesh's Umgebung ist wunderschön und die Menschen, die ich hier kennengelernt habe, zähle ich zum Teil als Familienmitglieder… Wer mehr wissen möchte darf mich gern anschreiben, ich bin für alle Fragen offen.

Aber hier noch ein paar interessante Infos aus der Weltyogahauptstadt für meine Yogafreunde: In den touristischen Teilen Rishikesh's gibt es natürlich viele Asana-Klassen, überwiegend in Hatha und Ashtanga Vinyasa. Zu meinem Erstaunen aber wenig Kundalini Yoga, klassische Meditation und Pranayama. Generell fand ich wenige speziellere Klassen, die bestimmte Themen behandeln, es sei denn es geht um oben beschriebene „Tantra“-Kurse, Frauengruppen oder religiös geprägte Diskussionsrunden. Im Grunde ist die Auswahl ähnlich wie in Deutschland, hier in Rishikesh aber geballt in zig Schulen auf engstem Raum und angereichert mit zahlreichen Ashrams. Dafür sucht man moderne Stile, wie Yin oder Jivamukti komplett vergebens, die sind aber auch nicht in Indien entstanden muss ich dazusagen.

Der Beruf des Yogalehrers wird von einigen Indern wegen den Arbeitszeiten und der relativ sicheren Bezahlung angestrebt. Wie wir aber wissen ist das Studium der philosophischen Texte und die tiefgründige Praxis gar nicht möglich ohne die Verinnerlichung selbiger. So kristallisieren sich auch hier die „besseren Gymnastikklassen“ von wirklich faszinierenden Stunden voller Inspiration. Meine größte Überraschung beim durch-yogen in Rishikesh: Nicht eine Drop In Klasse, die ich besuchte, beinhaltete Atemtechniken oder Meditationen und nur in einer wurde auf philosophische Hintergründe so eingegangen, dass man wirklich etwas mitnahm. Dazu muss ich erwähnen, dass ich keinen speziell ausgeschriebenen Anfängerkurs besuchte, von denen es einige gibt, sehr wahrscheinlich läuft es da anders. Will man hier also tiefer gehen, sollte man als Beginner nochmal ganz von vorn anfangen, sich ein Yoga Teacher Training suchen oder eine Zeit lang im Ashram leben. Aber auch hier: Augen auf bei der Wahl des Lehrers!

Insgesamt ist Yoga in Indien scheinbar genauso stark oder wenig verbreitet, wie im Westen. Man muss ja bedenken, dass es hier 16mal mehr Einwohner gibt als in Deutschland. Was kaum jemand weiß ist, dass die Yogatradition auch in Indien fast ausgestorben war bis die uns bekannten Größen wie K. Pattabhi Jois und B.K.S. Iyengar dem Westen die Philosophie über die körperlichen Vorzüge schmackhaft machten. Man darf also keinesfalls denken, dass jeder Inder die yogischen Verhaltensregeln und Praktiken kennt oder gar danach lebt. Die Tendenz zur Yoga- und Meditationspraxis ist also weltweit steigend.

*Wer sich mit den Legenden und der Geschichte des Namen Ganges auseinandersetzt stellt schnell fest, dass unser deutscher Name sowie der männliche Artikel für „den“ Fluss nicht ganz passt. Ohne jetzt die Historikerin oder Feministin raushängen zu lassen, möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass Mutter Ganga eine deutlich richtigere Bezeichnung ist.

**Feuerzeremonien, oder Aarti in Sanskrit, gehören zum hinduistischen Alltag, da sie Bestandteil der Puja (Verehrungsritual für Gottheiten) darstellen. Dabei wird immer ein Feuer (manchmal auch nur eine Art Kerze) entzündet und gesungen (gechantet). Der genaue Ablauf kann je nach Anlass variieren.

***Auf das Tragen einer Sari hatte ich mich besonders gefreut. Diese traditionelle indische Damenkleidung ist aber deutlich komplizierter, schwerer und wärmer, als erwartet. Sie besteht aus einer kurzärmeligen bauchfreien Bluse, einem sehr! eng geschnürten Unterrock und einem langen Schal, der mit Fachkenntnis gefaltet und gebunden wird, sodass er von links unten über den Po und die rechte hintere Hüfte schräg über vorderen Oberkörper fließt und schlussendlich über die linke Schulter fällt. Das ganze wird mit einigen Sicherheitsnadeln fixiert und Voilá! Das Ganze ist aber so kompliziert, dass ich mir erstmal keine eigene Sari zulegen werde.

09.-17.03. 2018 - Der Schmelztiegel und das angebliche Dreckloch

(Mumbai und Delhi)

„Ui, hier stinkt’s aber!“ „Na dann warte mal ab, bis du in die richtigen Städte kommst, da stinkt’s überall und zwar so richtig.“ Das ist die wohl häufigste Reaktion, wenn ich doch mal eine Stinkeecke irgendwo in Indien bemängelt habe. Denn gefunden habe ich davon bisher um Längen nicht so viele wie erwartet. Es ist an der Zeit mir mal eine RICHTIGE Großstadt anzuschauen. Alles in der Größe von Berlin oder Hamburg war hier ja echt Pillepalle, zumindest meinen das die Einheimischen. Da ich in Europäischen Großstädten eine durchschnittliche Lebenserwartung von einer Woche habe, bis ich fast heulend von Reizüberflutung gepeinigt wieder in ruhigere Gefilde umziehe, hatte ich mir eigentlich vorgenommen Mumbai und Delhi maximal zum Umsteigen zu nutzen, aber sonst nicht weiter zu beachten. Erstaunlicherweise halte ich es in den sogenannten „kleineren Orten“ mit nur ein paar Millionen Einwohnern aber bisher gut aus, deswegen beschließe ich den Riesen auch eine Chance zu geben, ich will Indien ja richtig kennen lernen.

Als ich im Nachtbus von Aurangabad nach Mumbai morgens halb sechs aus dem Schlaf geschrien werde, da meine Haltestelle naht, fällt mir tatsächlich zuerst eine richtig schlimme Stinkewolke auf, die mir ganz leicht sogar die Kehle zuschnürt. Hier ein kleiner Spoiler: Es wird die einzige bleiben, die ich wirklich richtig eklig finde.

Mein Hostel ist in Bandra, einem hippen Stadtteil, der mich an eine Mischung aus Berlin Kreuzberg, dem jüdischen Viertel von Krakau und mediterranen Fischerdörfern erinnert. Hier ist alles noch etwas chaotischer als sonst, aber immer gleichzeitig entspannt. Es gibt Massen von Graffitis, Yogaschulen und Bio-Cafés, die veganen Kuchen verkaufen. Das alles gepaart mit dem üblichen indischen Wahnsinn und einer Strandpromenade, die ahnen lässt, wieviel Rest der Stadt um Bandra herumliegt. Am Strand fällt mir auf, wie viel Müll nicht nur im Wasser treibt, sondern die ganze Küste regelrecht säumt. Hier will man definitiv nicht ins Wasser, aber es ist ein schöner Spaziergang. Am Fischmarkt kehre ich bei deutlich über 30° allerdings um, man will die Geruchsnerven ja nicht nochmal herausfordern.

Ich verbringe eine knappe Woche in Mumbai oder Bombay*, wie der moderne Inder sagt, da ich ein paar Tage brauche um runterzukommen, endlich mal Yogastunden zu nehmen (dazu bin ich auf dieser Reise noch gar nicht gekommen) und das ein oder andere Stück veganen Kuchen zu essen. Trotzdem packt mich die Neugier auf das echte Mumbai schon sehr und als mir eine scheinbar sehr respektvolle Slum-Tour empfohlen wird zögere ich nicht mich direkt für den nächstmöglichen Termin anzumelden. Von Slums weiß ich im Grunde nichts, außer dass es schlimm sein muss. Ich stelle mir halbverhungerte bettelnde Kinder in engen Gassen vor, alte Männer, die versuchen mit allen (wenigen) Mitteln ihre klapprigen Hütten zu flicken und Frauen, die in braunem Wasser Wäsche waschen. Dazu grundsätzlich viel Gewalt und Kriminalität, der aber keiner so richtig nachgeht. Doch mit Betteln und Angst hat das, was ich hier sehe und erklärt bekomme irgendwie gar nicht so viel zu tun. Ich fange aber von vorne an: Unser Guide ist ein junger Mann, der im Slum aufgewachsen ist, noch dort lebt und nun langsam versucht sich genug Geld für eine Bleibe in einem besseren Viertel zu verdienen. Er gibt uns ein paar Eckdaten zu Dharavi, dem größten Slum in Mumbai (und ganz Asien), in dem auf einem Quadratkilometer ca. 570.000 Menschen leben. Dann weist er auf ein striktes Fotografierverbot hin, jedoch dürfen wir ein Bild an dem Punkt knipsen, an dem wir gerade stehen, der Brücke über den Bahngleisen, an denen Dharavi anfängt. Von dort führt uns der Guide, dessen Namen ich mir einfach nicht merken kann, über die Hauptstraße in die Seitengassen und erklärt uns dabei, was ein Slum eigentlich ist: nämlich eine funktionierende Arbeits- und Wohngemeinschaft. Hier wird recycelt, getöpfert, genäht und gekocht um nur ein paar Tätigkeiten zu nennen. Natürlich sind die Hygiene- und Arbeitsumstände zum größten Teil miserabel, vor allem, wenn es ums recyceln von Farbtöpfen und Plastikgegenständen geht. Und das meine ich nicht im Vergleich zu europäischen Umständen, sondern ganz allgemein. Trotzdem kommen viele Arbeiter sogar als Saisonkräfte vom Land nach Dharavi, um für die Familie einfacher Geld verdienen zu können, wenn die Felder keine Erträge bringen. Einige Arbeiter wohnen sogar direkt in den kleinen Fabriken, einerseits um Miete zu sparen und andererseits um immer arbeiten zu können, da sie gar nicht wissen, was sie ohne die für einige Monate zurückgelassenen Familien in ihrer Freizeit so tun sollen. Was hier besonders auffällt ist der Gesichtsausdruck der Menschen. Neugierig und freundlich würde ich ihn beschreiben. Teilweise wahrscheinlich auch fragend, wieso wir gerade ihren Lebensstil so interessant finden. Wir erfahren, dass in diesem Viertel ca. 60% Hindus, 30% Moslems und 10% Christen leben, andere Glaubensrichtungen sind hier so gering, dass ich sie mal ausklammere. Da es hier aber vordergründig ums gemeinsame Arbeiten geht, gibt es weder Streit noch großartig Kriminalität. Wir gehen durch Gassen, in denen eine Szene für Slumdog Millionaire gedreht wurde. Dort schiele ich hier und da so unauffällig und respektvoll wie nur irgend möglich zu Fenstern und Türen hinein um einen Blick auf das Innere der Häuser zu werfen. Eine Durchschnittliche Wohnung hat hier 10m² pro Etage und nicht selten ist das Erdgeschoss der Familienladen, der erste Stock der Wohnraum und mit Glück hat man einen zweiten Stock zum Vermieten, erklärt uns der Guide. Wenn ich von Kindern beim stöbern erwischt werde bekomme ich ein breites Grinsen, ausschweifendes Winken und lautes „HIIIIIIIII!“ zurück, worüber die Mütter scheinbar weniger erfreut sind. Generell sind hier viele kleine Kinder am Toben und ihre Lebensfreude und ihr Strahlen in den großen funkelnden Augen, wenn sie die Touristen entdecken, treibt einem fast die Freudentränen in die eigenen. Ich verlasse also den Ort, vor dessen Besuch es mir ehrlich gesagt am meisten graute, mit einem überraschend guten Gefühl. Das kann aber auch daran liegen, dass der direkte „Zufluss“ aus dem Slum zum Meer, der ausschließlich aus Müll und verseuchten Flüssigkeiten besteht, am Beginn der Tour gezeigt wurde. Selbstverständlich herrschte dort ebenfalls ein Foto- und Filmverbot.

Andere Sehenswürdigkeiten, wie das Gateway of India oder die Kunstausstellungen in Colaba lasse ich jetzt mal außen vor. Sie sind einen Besuch wert, aber eher eine oberflächliche Bespaßung, wobei ich erwähnen sollte, dass Indien einige brillante Maler hat, von denen ich mir (ohne viel Ahnung von oder Geld für Kunst zu haben) gerne ein Werk mitgenommen hätte. Auch mit dem innerstädtischen Zug sollte man mal gefahren sein. Nur sollten Frauen immer aufpassen, dass sie sich am Gleis schon richtig für das „Ladies only“ Abteil anstellen, da geht’s zur Rushhour richtig zur Sache. Aber ohne Humor und Geduld kommt man hier ohnehin nicht weit. :) Mumbai ist ein Schmelztiegel aus traditioneller indischer Kultur, westlichen Einflüssen sämtlicher Epochen, verschiedenster Glaubensgemeinschaften, Menschen jeden Alters und jeder Hautfarbe und das Ganze versehen mit jeder Menge Tourismus. Ich mag die Stadt.

Nach fünf Tagen in der Metropole am Meer geht es nun per Flugzeug fast schon mit schlotternden Knien nach Neu Dehli, das angebliche mega gefährliche Dreckloch. Alle sagen hier stinkt es am meisten, ist es am dreckigsten, sollten sich Frauen nach 18 Uhr am besten einkerkern um nicht überfallen zu werden und so weiter. Ich spoiler direkt wieder: Ich erfahre nichts davon und bekomme meine Meinung von anderen Touristinnen bestätigt. Delhi ist super! Das könnte aber auch daran liegen, dass ich hier hervorragende Kontakte pflege: Vor ungefähr einem Monat lernte ich zusammen mit Kate eine junge Inderin namens Srishti in Pondicherry (siehe unten, mein zweiter Stopp) kennen. Mit ihr tauschte ich damals sofort Kontaktdaten aus und tatsächlich hat sie direkt am Abend meiner Ankunft Zeit um mit mir essen zu gehen und bringt noch einen Freund mit, der sich auch an den Folgetagen als fachkundiger Fremdenführer zur Verfügung stellt. So lerne ich schnell mit der Metro von A nach B zu kommen, wo man am besten shoppen geht und in welchem Viertel tibetische Flüchtlinge leben und so ein minikleines Tibet mitten in Delhi geschaffen haben. Von diesen Ausflügen abgesehen besuche ich den religionsfreien Lotustempel, in dem ich nur halb so lang still meditiere, wie ich für den Einlass anstehe und ich unternehme eine geführte Fahrradtour, die noch vor Sonnenaufgang startet und Alt Dehli im Morgengrauen zeigt. Eine der besten Touren, die ich je erlebt habe! Denn die bekannten Sehenswürdigkeiten, wie die Jama Masjid Moschee, die an diesem Morgen für die Freitagsgebete mit 20.000 Teilnehmern vorbereitet wird, oder auch die alte Stadtmauer sind noch touristenfrei und friedlich. Dazu besuchen wir den Blumenmarkt, der nur morgens stattfindet, da man hier Blüten für Opfergaben im Tempel kauft, den man wiederum vor Arbeitsbeginn (ab 10 Uhr) besucht. Daneben ist der Gewürzmarkt, bei dessen Durchquerung auch mir Husten und Niesen nicht erspart blieben. Und noch vor dem Frühstück besuchen wir eine Gurdwara, einen Tempel der Sikh, in dem für Jedermann Essen und Tee bereitgestellt wird, völlig kostenfrei und ohne jegliche Forderung. Man muss nicht mal selbst Sikh sein, um einen Teller voll Reis, Chapati und Chutneys zu bekommen. Das ganze Essen kocht sich natürlich nicht von alleine. Deswegen wird immer händeringend nach freiwilligen Helfern gesucht, auch wenn es sich dabei um Touristen in Warnwesten handelt, die eigentlich nur ein paar Minuten zuschauen wollten. So sitze ich ratzfatz mit am Tisch und rollte Brotteig zu dünnen Fladen, die man hier nach dem backen als Chapati kennt, das am häufigsten gegessene Brot Indiens. Neben der schmucken Warnweste, für die ich noch heute sehr dankbar bin, da sie uns in einigen Situationen sicherlich einige Blessuren erspart hat, trage ich dazu auch ein geliehenes Kopftuch, das mir am Eingang des Tempels ausgehändigt wurde. In der Gurdwara trägt man nämlich immer eine Kopfbedeckung, Frauen Tücher und Männer meist Turban. Und natürlich hatte ich mich auch hier vorm heiligen Buch verbeugt und mir jeden erdenklichen Segen abgeholt, man kann ja schließlich nie wissen. Nach hervorragendem indischem Frühstück mit Doza, eine Art dünner, knuspriger Pfannkuchen mit Soßen, und NATÜRLICH Masala Chai ist die Tour noch vor der morgentlichen Rushhour vorbei und ich zufrieden. Delhi habe ich nun also auch gesehen.

           

 Und da ich eben schon bei Religionen war kann ich an dieser Stelle bereits ein ganz persönliches Fazit ziehen, das ich gern teilen mag: Indien hat meine Sicht auf Religionen deutlich geändert. Ich bin nach wie vor kein Fan von Glaubensinstitutionen mit Regularien und auf Götter (egal welche und wie viele) festgelegte Bündelung universeller Energie, die meiner Meinung nach jedem Lebewesen innewohnt. Aber ich bin interessierter und offener. Und ich spüre wie meine Vorurteile spätestens in dem Moment verpuffen, in dem mir Menschen von ihrer Religion berichten, mich als Fremde teilhaben lassen, meine von Extremisten geschürte Skepsis verstehen, mir mit Engelsgeduld erklären woher ihr Glaube wirklich stammt und mir dann auch noch ihren Segen auf den Weg geben, ob nun mit Reis, der mir auf die Stirn geklebt wird, Pfauenfederwedeln, die meine Schultern berühren oder einer simplen Verbeugung.

Hari Om. Rishikesh, ich komme! (Was das genau bedeutet teile ich im nächsten Beitrag.)

 

*Mumbai wurde zur Englischen Kolonialzeit in Bombay umbenannt um es etwas interessanter und moderner zu machen. Heute heißt es, wer die Stadt wirklich liebt nennt sie Mumbai, wer moderner sein möchte sagt Bombay.

05.-08.03. 2018 - Alle unter einem Dach

(Aurangabad)

Nach einem Monat recht touristischen Reisens hatte ich das Gefühl endlich mal das authentische Indien kennen lernen zu müssen. Und da Aurangabad ohnehin (noch) keine Hostels hat, habe ich mich zum ersten Mal für ein AirBnB zu eher europäischen Preisen bei einer indischen Familie entschieden, mit einem großen Einzelzimmer und Frühstück + Abendessen inklusive. Man muss sich ja auch mal gönnen können.

Ich lande also bei Akash, einem jungen frischgebackenen Tourguide und seiner Familie (Mutter, Vater, Schwester) in einem guten, ruhigen Viertel Aurangabads. Bevor ich das Zimmer überhaupt sehen kann werde ich im Wohnzimmer traditionell mit einem Glas Wasser, einem Mittagssnack, interessierten Fragen zu meiner Person und nützlichen Fakten zum Familienleben hier begrüßt. Dann beziehe ich das gesamte Dachgeschoss bestehend aus einem 16m²-Zimmer mit Dusche, einer großen Terrasse und einer Außentoilette. Nach ausgiebigem Mittagsschlaf geht’s mit Tee, Gesprächen und schließlich Abendessen weiter. Es gibt Getreidesorten, die ich im Deutschen gar nicht benennen kann, Dal (Linsensoße), Palak Paneer (indischer Käse in Spinat, eine meiner Lieblingsspeisen hier) diverses Brot und süße Teigtaschen. Also wie gewohnt Kohlehydrate pur, die mich wieder an meine mangelnde Yogapraxis in den letzten Wochen erinnern. Aber ich lerne endlich Reis mit den Händen zu essen ohne dabei auszusehen als hätte ich die Körperkontrolle eines Zweijährigen und alles schmeckt hervorragend. An scharf bin ich mittlerweile auch halbwegs gewöhnt, da für mich sogenanntes Western oder Continental Food immer öfter zur teuren Ausnahme wird und häufig nicht das hält, was es verspricht.

 Nach dem Essen nimmt mich Akash mit in den nahegelegenen Hindutempel, den wir zusammen mit seinen Kumpels besuchen. Auf dem Weg dorthin flüstert er zu mir rüber „Die starren alle so wegen dir. Hier ist Tourismus noch nicht verbreitet, man kennt hier keine weißen Frauen ohne zugehörige weiße Männer. Und erst recht nicht mit so kurzen Haaren.“ Und erst dann fällt mir auf, dass sich tatsächlich jeder auf der Straße nach uns umdreht. Drei indische Mittzwanziger und eine etwas ältere, weiße, deutlich größere, tätowierte Frau. Muss schon ulkig ausgesehen haben, aber das Starren bin ich mittlerweile gewohnt. Am Tempel angekommen gibt es gleich die nächsten wichtigen Informationen: Einer von Akash’s Freunden hatte heute Eier gegessen, die gelten hier als nicht vegetarisch und somit darf er sich heute Abend keinen Segen der Göttin Parvati (Shiva’s Frau, meist orange dargestellt) abholen, da nicht vegetarisches Essen als unrein gilt. Wir gehen also ohne ihn barfuß zum Eingang und berühren mit der rechten Hand* eine vor der ersten Stufe eingelassene schwarze Marmorschildkröte am Kopf, das soll Glück bringen, dann läuten wir eine Glocke, die über dem Eingang hängt um der Göttin zu symbolisieren, dass wir da sind. Und dann ab zum Schrein vor uns. Dort verneigt man sich nicht zu tief mit den Händen in der Grußgeste vorm Gesicht und spricht imaginär sein Gebet, Wünsche oder auch einfach nichts, so wie ich in diesem Moment, denn die Eindrücke sind zu überwältigend als dass mir irgendetwas einfällt. Dann berühren wir den Schrein wieder mit der rechten Hand und begehen den Tempel im Uhrzeigersinn, also auch wieder nach rechts. Zum Schluss geht man rückwärts aus dem Tempel hinaus, denn einem Gott wendet man hier nie den Rücken zu. Und dann hängen wir einfach auf dem Tempelgelände ab, ich stelle 100 Fragen zu Göttern und Kühen und die Jungs beantworten jede Frage ganz geduldig und freuen sich scheinbar über mein Interesse. Von den 3 Hauptgöttern des Hinduismus, Brahma, Shiva und Vishnu wusste ich bereits. Aber nicht von ihren Fortbewegungsmitteln bzw. Sitzgelegenheiten. Vishnu sitzt auf einer Schlange. Brahma auf einem Lotus. Und Shiva reitet eine Kuh. „Aha. Deswegen sind die also heilig?!“ „Nicht nur. Im Hinduismus glauben wir auch, dass es insgesamt ca. 32 Milliarden [kurze Denkpause] ja richtig, Milliarden Götter gibt. Und die leben für uns in Kühen. Das klingt für dich sicher total verrückt, aber deswegen ist es hier auf Gefängnisstrafe verboten einer Kuh Leid jeglicher Art zuzufügen. Und das führt natürlich auch zu Konflikten mit Moslems, Christen und den anderen andersdenkenden Religionen, aber alle müssen sich daran halten, das steht seit ein paar Jahren im Gesetz.“ Wow. Das sind viele Informationen für den ersten Abend hier. Als uns die Mücken zu sehr plagen gehen wir zurück und ab ins Bett.

Denn am ersten Morgen gibt es bereits halb 8 ein typisch indisches Frühstück, das ich tatsächlich noch nicht kannte: Poha, eine Art flacher, gelber Reis mit Gewürzen, frischem Koriander und gerösteten Erdnüssen. Super lecker, aber zum Frühstück doch ganz schön scharf und nach wie vor noch nicht in meine Comfort Zone vorgedrungen. Aber ich esse brav auf, bezahlt ist schließlich bezahlt. :)

Zusammen mit Akash’s Onkel fahren wir zu den Ajanta Caves, Buddhistischen Tempeln, die schätzungsweise bereits im 2.Jhd.v.Chr. in Lavastein gehauen wurden und sich über die folgenden Jahrhunderte weiterentwickelten. Für ein so einzigartiges Reiseziel lasse ich die berühmten Tempel in Hampi sausen, die jeder Backpacker, der was auf sich hält, auf seiner Indienreise mitnimmt. Und ich werde für diese Entscheidung bereits an dem Ort belohnt, an dem mich die beiden mit dem Auto absetzen: Einem Aussichtspunkt ca. 20 Fußminuten vom Eingang entfernt, von dem aus man den Vulkankrater entlang zum Ticketschalter geht und die ganze Zeit einen prima Blick auf den Höhlenkomplex hat. Ab hier bin ich für einige Stunden allein unterwegs, was mich keinesfalls stört, denn ausgiebige Erklärungen würden hier zur totalen Reizüberflutung führen. Ich lasse die karge, heiße Gegend, die sehnsüchtig auf die Monsunzeit wartet, auf mich wirken, mache mich in aller Ruhe auf den Weg und fantasiere vor mich hin, wie es hier wohl nach Regengüssen aussehen muss. Schöne Vorstellung. Am Ticketschalter traue ich meinen Augen kaum: Einheimische zahlen nicht mehr als 30 Rupien, „foreigners“ (also ausländische Touristen) dagegen satte 500 Rupien. Schweinerei! Aber ich werde feststellen, dass das hier wohl Gang und Gäbe ist. Egal, Indien ist nur einmal im Jahr! Und rein geht’s direkt in Höhle Nr. 9, von dort zur Nr. 1 und dann erstaunlicherweise von links nach rechts statt umgekehrt bis Höhle 26 ohne auch nur eine auszulassen. Ich bestaune uralte  Wandmalereien,  Bildhauereien, riesige Skulpturen, Säulen und Statuen bei deren Anblick man leicht Bauchkribbeln bekommt so schön und detailliert sind sie. In einer der größten Höhlen stockt mir dazu fast der Atem als ich höre, wie ein Dutzend Frauen und Kinder auf dem Boden vor der Buddha Statue ihre Gebete chanten**. Was für ein Glück genau in diesem Moment anwesend zu sein. In einer anderen, länglicheren Höhle, die an das Innere eines Schiffsrumpfes erinnert, gibt ein Tourguide seine Gesangskünste zum Besten um die besondere Akustik dieses Raumes zu demonstrieren. Hier steigen mir nun endgültig fast die Tränen in die geschlossenen Augen. Ich weiß nicht warum mich diese Töne derartig berühren, jedenfalls werde ich sie nicht so schnell vergessen. Nach 4 Stunden holen mich Akash und der Onkel wieder ab und ich erzähle Ihnen begeistert von meinen Eindrücken bei einem Glas frischem Zuckerrohrsaft mit Zitrone und Ingwer am Straßenrand auf dem Rückweg. Beide sind sich einig, dass ich von den Zielen am nächsten Tag nicht weniger angetan sein werde.

     

Wir fahren nämlich morgens nach Khuldabad, ein Dorf, das ausschließlich von Sufis bewohnt ist und neben Moscheen auch Tombs (Grabmale/Gruften) zum Bestaunen bietet. Hier erklärt mir Akash nochmal ein paar Grundsätze von Islam und Hinduismus und somit auch von deren Mischform, dem Sufismus. Wir besichtigen Mogulengräber, wobei ich natürlich viel über die Geschichte Indiens erfahre, dann gehen wir in die Sufigemeinde wo uns ein Mann mit Tuch um den Kopf im weißen Gewand mit einem Pfauenfederwedel segnet und noch mehr zu Geschichte der Sufi erzählt. So geht der gesamte super informative Vormittag weiter bis ich mittags bei den Ellora Caves abgesetzt werde, die wie die Ajanta Caves UNESCO Weltkulturerbe sind. Aber im Gegensatz zum Vortag erwarten mich hier nicht nur zahlreiche Buddhistische Höhlen, sondern auch Hindu- und Jainatempel. Alle in den selben Krater gehauen und der verlorenen Stadt aus dem Dschungelbuch ähnelnd. Und wieder: WOW! Mich beeindrucken an diesem Tag nicht nur die spektakulären Kulissen, sondern auch die Tatsache, dass ich Gebetshäuser und -stätten von insgesamt 5 Religionen an nur einem Tag besichtige, die alle quasi direkt nebeneinander gebaut sind. Und alle sind den Witterungsumständen entsprechend perfekt erhalten und strahlen Frieden aus. Für mich symbolisiert das, was ich auf meiner bisherigen Reise fast überall empfunden habe: Indien ist gefüllt mit Religion, hier gibt es fast keine Atheisten und wenn, dann sind sie in meinem Alter oder jünger und leben in Großstädten (also über 10 Mio. Einwohner), aber alle leben Seite an Seite miteinander. Zumindest im Großen und Ganzen. Man spürt natürlich deutliche Unterschiede in den Mentalitäten, aber die Toleranzschwelle scheint sehr hoch zu sein.

    

Das muss alles erstmal verarbeitet werden, also unternehme ich am dritten und letzten Tag nicht viel bevor ich abends mit dem Nachtbus nach Mumbai fahre. Was ich mir aber nicht entgehen lassen kann ist der ultimative Vorgeschmack auf das Taj Mahal, das Bibi Ka Maqbara, welches als „Mini Taj“ oder „poor man’s Taj“ bekannt ist, denn es ähnelt dem weltberühmten Bauwerk sehr stark, ist aber wesentlich kleiner. Die Geschichte ist umstritten, aber was fest steht ist, dass der Bau wohl einen winzigen Bruchteil des Touristenmagneten in Agra gekostet haben muss. Dafür habe ich hier zur Mittagszeit aber meine Ruhe, werde kaum um Selfies gebeten und kann ein paar schöne Schnappschüsse machen. Eigentlich auch kein Wunder bei 38°C. Hoffentlich wird Mumbai, oder auch Bombay, wie es früher hieß, etwas angenehmer wettertechnisch…

     

*Die linke Hand gilt als unrein. Die benutzt man hier z.B. um sich den Allerwertesten abzuwischen (das wird mir als häufigstes Beispiel genannt).

**Chanten ist im Grunde singen, aber ohne jegliche Forderung die Töne zu treffen. Es geht vielmehr um den Effekt, den die gesungenen Töne auf Körper und Geist ausüben.

01.-04.03. 2018 - Goa-Touri

(Arambol, Goa)

Nachtbusse gehören nicht gerade zu meinen favorisierten Fortbewegungsmitteln, aber sie sind meistens am günstigsten (da man ja auch die Unterkunft für eine Nacht einspart) und oft auch die einzige Möglichkeit gezielt von A nach B zu kommen. Also bin ich wieder im Nachtbus nach Goa unterwegs.

Goa ist neben den größten Städten und Yogametropolen der einzige Ort Indiens, von dem ich schon viel gehört habe. Es soll traumhaft sein, recht touristisch, aber voller Hippies, Parties, guter Laune UND freizügiger, luftiger Klamotten. Bisher hat es mich nie gestört bei tropischen Temperaturen aus Respekt und Selbstschutz deutlich bekleideter herumzulaufen, als zuhause. Meist trage ich Baumwollharemshosen, T-Shirts oder Tops mit Bolero darüber. Das nimmt auch etwas dieses Sehen-und-gesehen-werden, Vergleiche können hier nicht wirklich stattfinden und Sonnenbrand ist so auch nur im Gesicht ein Thema (bei mir mittlerweile zum Glück nicht mehr). Aber in Goa ist das anders. Ich entscheide mich für das Örtchen Arambol im Norden Goa’s, denn hier werde ich Kate wieder treffen, Holi feiern und meinem superweißen Bauch etwas Sonne gönnen. Außerdem lockt mein Reggae-Herz ein Hostel namens „Rasta Mansion“, das komplett rot-gelb-grün gestrichen ist und Strandnähe sowie Livemusik verspricht.

Morgens halb 7 in Goa angekommen muss ich noch 2 weitere überfüllte Busse nehmen um nach Arambol zu gelangen, was mich noch zwei extra Stunden kostet. Zuletzt gegessen hatte ich am Nachmittag zuvor und da es hier natürlich keine Toiletten im Bus gibt ist meine Stimmung auf dem Nullpunkt als ich direkt vor der Rasta Mansion nicht aus dem mit Menschen vollgestopften Bus komme, sondern auf die nächste Station warten muss. Immerhin, nächster Halt ist Kate’s Unterkunft, wo ich mich frisch machen und eine Packung Kekse in maximal drei Minuten verschlingen kann. Auf dem Fußweg zu meinem Hostel gabelt mich ein netter mittelalter Russe mit dem Roller auf, der Mitleid mit mir hat. Zugegeben, da in meinem Rucksack u.a. Wanderschuhe in Größe 43 verstaut sind und außen Yogaequipment baumelt muss ich schon ziemlich packeselig aussehen. Auf dem Weg fällt mir auf, dass meine künftige Bleibe zwar nah am Strand, aber weit weg von allen anderen interessanten Sachen, Einkaufsmögichkeiten und Cafés ist. Ich werde also nicht drumherum kommen mir einen Scooter zu mieten und zu üben, üben, üben. Na wenigstens ist hier verhältnismäßig kaum Verkehr.

Die Rasta Mansion enttäuscht mich ab dem ersten Augenblick. Keine Musik, unkomfortable Möbel, ein stinkender Teich direkt hinterm Haus, fast alle Gäste männlich und schon morgens um 10 hackebreit von Joints. Ab zum Strand. Der ist schön. Groß, relativ ruhig, gesäumt von vielen Hütten, Palmen, Booten und Restaurants und voll mit russischen Touristen. So vielen, dass man in Shops und auf Märkten mit weißer Hautfarbe ganz automatisch auf Russisch angesprochen wird. Das ist mal eine Abwechslung. Der Rest des Tages ist unspektakulär, denn morgen ist endlich Holi, das Fest, das seinen Grund im Hinduismus hat, das jeder wegen den tollen Bildern mit bunten Gesichtern mitfeiern möchte ohne zu wissen, was da eigentlich gefeiert wird und von dem ich mir vor allem Spaß und neue Erfahrungen verspreche. Naja. Einen Tag später weiß ich immer noch nichts über die Hintergründe zu Holi, ich habe eingefärbtes Pulver an Orten, wo ich mich frage, wie um alles in der Welt es DORT hinkommt und ich fühle mich etwas begraptscht, denn es scheint als nutzten viele Einheimisch mit steigendem Alkoholkonsum die Möglichkeit weiße Frauen im Gesicht zu berühren und umarmen zu dürfen. Das wird Kate und mir schnell zu viel, also flüchten wir auf eine mittelschlecht besuchte Reggaeparty, die sich am späteren Abend als mein kleines persönliches Paradies herausstellt, mein Reggae-Herz ist endlich zufrieden und top gelaunt.

In Goa gibt es generell weder viel zu tun noch zu erleben. Vielleicht ist das der Grund, warum hier kiffen selbst in Cafés mit Schildern „Rauchen stellt eine Beleidigung dar“ nicht nur toleriert wird, sondern scheinbar ab den späten Morgenstunden zum guten Ton gehört. Joints sind hier in etwa vergleichbar mit Räucherstäbchen im Rest Indiens: sie sind einfach immer da und wer den Geruch nicht mag muss sich wohl oder übel dran gewöhnen. Mal ganz ehrlich, Probleme sehen anders aus. Aber bevor ich mich richtig entspannen kann kommt das nächste Highlight. Meine erste einstündige Rollerfahrt im dunklen nach Anjuna zu den scheinbar recht bekannten Night Markets. Kate hat einige Leute aus ihrem Hostel zusammengetrommelt damit wir in Kolonne fahren können. Allen voran ein Koreaner, Terry, der Indien mit dem Motorrad bereist und so unser Navigations- und Frühwarnsystem in einer Person darstellt. Kate, Terry und die anderen warten an der Kreuzung zu meinem Hostel. Es ist bereits dunkel und ich bin nachtblind. Trotzdem wage ich selbst zu fahren. „Kann ja nicht so schwer sein…“ denke ich, während ich die Kurve zu ihnen etwas zu schnell nehme, im Schotter die Kante des nicht markierten Straßenrands übersehe und mich vor 6 Fremden direkt unfreiwillig unter meinen Roller lege. „Nix passiert, wird nur ein blauer Fleck, aber alleine komm ich hier nicht raus.“ Prima erster Eindruck! Alle sind begeistert mich nun in der Gruppe zu haben und durch den indischen Nachtverkehr zu navigieren. Mit jedem Kilometer entspannt sich die Situation aber wieder und auf dem bunten, belebten und erstaunlich großen Markt angekommen lachen wir alle über meinen Fauxpas.

                               

Da nutze ich die Situation Terry nach den indischen Verkehrsregeln zu fragen, er muss es ja wissen, und die Antwort ist genauso simpel wie kurz: „Es gibt nur eine Regel, Romy. Stirb nicht!“ Alle lachen. Er betont den Ernst seiner Aussage und unser Lachen verstummt kurz. Nur kurz. Denn wie der Inder so schön sagt, hält man es in diesem Land nur aus, wenn man einen gesunden Sinn für Humor besitzt. Das kann ich so nur unterstreichen.

Mein Fazit nach drei Tagen hier: Goa ist sehr touristisch, kaum Indisch, recht teuer, dafür relaxed, freizügig und es gibt tolle, zum Teil vegane Restaurants in versteckten Gässchen, auf Dachterrassen und in auf Hinterhöfen angelegten Gärten. Wenn man den krassen Kulturschock völlig umgehen möchte ist es ein guter Einstieg für die erste Indienreise. Diesen Satz findet man übrigens auch in den meisten Reisführern. Es wird Zeit für mich wieder mehr authentisches Indien zu erfahren, also nehme ich auf Empfehlung eines reiseerfahrenen, jungen Inders -natürlich- den nächsten Nachtbus nach Aurangabad, nordwestlich von Mumbai. Dieser Schritt soll sich mehr als lohnen…

24.-28.02. 2018 - Kunst, Kunst, Kunst …und Selfies

(Mysore -> Coorg)

Natürlich ist die Busfahrt nach Mysore wieder extrem holprig und heiß. So holprig, dass mein Allerwertester einige Male den Kontakt zum Sitz verliert, der schlacksige Teenager neben mir fast auf meinem Schoß landet und ein älterer Herr in regelmäßigen Abständen aus dem Fenster würgt. Doch am Ziel angekommen kann ich meinen Augen kaum trauen. Die Stadt ist für indische Verhältnisse unglaublich sauber, schön angelegt und man hat das Gefühl sie ist auch irgendwie heller als die belebten Orte, die ich bisher gesehen habe. Und es gibt noch mehr Tiere. Keine Gasse ohne mindestens drei Kühe und ganze Herden von Ziegen kreuzen die Straßen. Alles in allem wirkt das Gewusel ruhiger, überlegter und angenehmer. Meine Unterkunft scheint in einer besonders guten Lage zu sein, neben Hotels und einem Krankenhaus. Hier finde ich bestimmt mal einen richtigen Supermarkt und kann mich auch wieder meinen Problemen mit der indischen SIM Karte widmen, die funktioniert nämlich wieder nicht richtig. Gesagt, getan: schnell finde ich einen gut sortierten Supermarkt mit allem an frischem (gekühlten) Obst und Gemüse, was mein Herz etwas höher schlagen lässt. In fußläufiger Nähe ist auch ein Airtel Shop, in dem ich mal wieder meinen Frust über das Handyproblem schildern kann. Es stellt sich heraus, meine mitgebrachte Technik ist einfach zu alt, ich brauche ein neues Handy. Selbstverständlich ist in Mysore der entsprechende Shop direkt nebenan, wo ich äußerst kompetent in zu schnellem relativ unverständlichem Englisch ganz ausgiebig beraten werde, denn mein neues Telefon soll vor allem auch wieder gute Fotos knipsen. Nach ca. einer Stunde und unzähligen Bitten etwas langsamer zu sprechen bin ich ungefähr 200€ los, bekomme dafür aber ein tiptop neues Handy, das scheinbar mehr kann als mein Gehirn und eine Spiegelreflexkamera zusammen*, inklusive Hülle und einer hochwertigen Powerbank. Endlich läuft’s bei mir und der Technik.

Zufrieden im Hostel angekommen begegne ich dann auch noch bekannten Gesichtern aus meinem Kurzaufenthalt in Kochi. Eine Gruppe deutscher und englischer Backpacker, die ebenfalls alle alleine reisen, aber doch irgendwie zusammen. Wir beschließen den nächsten Tag gemeinsam zu verbringen. Am Morgen darauf gibt es indisches Frühstück, das im Preis inbegriffen ist und ausnahmsweise mal meinem Geschmack entspricht, da es nicht so scharf ist wie sonst. Es gibt eine Art gewürzte Reispampe und Nudeln mit Gemüse, dazu Kokos-Chutney und selbstverständlich Chai Masala**, das Nationalgetränk. Nach dem Frühstück wird’s schon heiß in der Sonne, deswegen machen wir uns erst am Nachmittag auf den Weg zu den Chamundi Hills, wo man auf spirituellem Pfad angeblich 1000 Stufen erklimmen kann, um zu einem wunderschönen Tempel zu gelangen. Auf dem Weg überlegen wir noch kurz vielleicht doch mit dem Bus nach oben zu fahren, entscheiden uns dann aber für das Workout. 1000 Stufen klingen nicht wirklich schlimm, die über 30°C im Schatten machen den Aufstieg aber zu einer sehr schweißtreibenden Angelegenheit, meine mangelnde Yogapraxis in den letzten Wochen ist dabei nicht besonders hilfreich. Zum Glück gibt es immer wieder Stops mit frisch geschnittenem Obst und genügend Wasser haben wir auch dabei. Die Stufen sind ausnahmslos alle mit Tupfen in Rot-, Gelb- und Orangetönen verziert, leider konnten wir nicht herausfinden wieso. Hinter der letzten Stufe erwartet uns neben einem prächtigen, kunstvollen Tempel ein buntes Treiben aus Schmuck- und Obstständen, indischen Familien, Touristen, Kühen, Affen und ein paar Autos. Nach einem Gruppenselfie mit meinem Superhandy und einer Segnung für 2 Rupien an der Ecke (roter Punkt auf der Stirn) machen wir uns aber auch schon wieder auf den Weg nach unten, denn wir wollen spätestens bei Sonnenuntergang am Palast des Maharajas sein.

Dass der Palast sehr schön sein soll hatte ich schon gehört, dass er aber selbst mit Schloss Schönbrunn in Wien mithalten kann, das war mir nicht klar. Prunk und Protz soweit das Auge reicht, Tigerskulpturen an jeder Ecke, Tempeltürme und Torbögen in aufwendigen Designs, das Hauptgebäude mit unzähligen Türmchen und Details verziert und langsam geht im Hintergrund die Sonne unter, als wolle sie die Szene noch ein kleines bisschen unterstreichen. Wow. Auch dieser Ausflug hat sich jetzt schon mehr als gelohnt. Und weil Sonntag ist soll ab 19Uhr sogar noch eine Art Lichtshow mit Musik folgen. Wir warten solange. Plötzlich kommt eine mittelalte Inderin in prachtvoller seidener Sari auf mich zu und bittet mich nett um ein Foto mit ihr. „Of course!“ und schon knipst ihr Sohnemann drauf los. Als ich ihm dann auch mein Handy für ein Bild in die Hand drücke schart sich auf einmal die gesamte Großfamilie um mich und es wird fotografiert, was das Zeug hält. Natürlich wird auch der Rest unserer Gruppe dazu gerufen und ich habe das Gefühl, dass sich auch ein paar Fremde einfach zum Gruppenfoto dazu gestellt haben. So ein Spaß! Dann gibt’s SELBSTVERSTÄNDLICH noch ein paar Selfies bevor wir beginnen alle weiteren Anfragen abzulehnen und uns alle bei einander zu bedanken. Dann wird weiter gewartet während im Palast immer mehr Lichter angehen und die Spannung langsam steigt. Um (fast) Punkt 19Uhr erstrahlt auf einmal das gesamte Areal in Licht, Haupt- sowie sämtliche Nebengebäude und Tempel. Ein deutlich hörbares Raunen geht durch die Menge und ich bin sprachlos. Die unzähligen Glühbirnen sind mir nämlich in dieser gesamten kunstvollen Pracht gar nicht aufgefallen. Und dann beginnt auch noch eine kleine Band vor dem Haupteingang mit akustischen Instrumenten traditionelle Musik zu spielen. Wir sind begeistert und beschließen direkt am nächsten Morgen wiederzukommen um den Palast auch von innen sehen zu können.

Morgens darauf geht es nach erneut leckerem Frühstück schnurstracks wieder zum Palast. Und der Innenraum hält, was das Außen verspricht: Marmortreppen, Wandgemälde, verschiedenste Mosaikfliesen, vergoldete Details an bunten Säulen, riesige Spiegel und silberne Stühle. Und im Hinterhof Kamele. Und wo Kamele für die Kinder sind, da können Elefanten für die Erwachsenen nicht weit sein. Und tatsächlich finden wir sie am anderen Ende des Geländes. Von weitem sehen wir 5 Dickhäuter im Schatten auf Zuckerrohr kauen und sind uns nicht sicher, wie nahe wir ihnen kommen können bis uns jemand aus der Ferne heranwinkt. Erst auf ein paar Meter Entfernung fallen uns die Ketten an den Füßen der Tiere auf, die aber einen sehr gemütlichen, friedlichen Eindruck machen. Das ist der Moment in dem ICH unbedingt ein Selfie will. Doch das ist für den vollbärtigen Wärter nicht genug. Er fordert ohne unser Zutun einen Elefanten auf, sich hinzuknien und dann fordert er uns auf uns draufzusetzen. Das Zögern dauert einen Moment, dann ist die Versuchung aber doch zu groß und zack sitze ich in Socken auf einem stehenden Riesen und krieg fast ein bisschen Pipi in die Augen. Das Gefühl einem so anmutigen, leider selten gewordenen Tier so nah sein zu können und auf ihm sitzen zu dürfen ist sehr besonders. Ich bin dankbar, ehrfürchtig und nach dem Absteigen ehrlich gesagt auch reumütig, denn die Elefantendame hat sich diese Situation ganz sicher nicht freiwillig ausgesucht. Also schaue ich ihr einen Moment in ein ruhiges, langbewimpertes Auge und bedanke mich nochmal bei ihr persönlich während ich ihr über den Rüssel streiche. Ok, das mag nach eigenartigem Hippieritual klingen, aber ich habe auch schon Bäume umarmt und stehe dazu. Man darf den Respekt vor unserer Natur nie verlieren und insgeheim male ich mir seit diesem Moment aus, wie es den Palastelefanten wohl gehen würde, wenn man sie jetzt einfach in die Natur zurück ließe in der Hoffnung sie werden nicht gewildert. Alles schön und schade gleichzeitig. Aber mir scheint dieser Gefühlsmix wird mir hier noch häufiger begegnen.

Am Nachmittag geht es dann auf in die Kaffeeplantage in Coorg. In den Bergen von Ooty hatte mir der Hostelbetreiber diesen Ort wärmstens empfohlen um mitten in der Natur wieder Luft holen und Yoga praktizieren zu können. Und ganz nebenbei sind die Jungs hier natürlich Freunde von ihm. Schon der Weg macht den Anschein als würde er zwischen Kokos-, Papaya- und Mangobäumen direkt ins Paradies führen. Ich bin zum ersten Mal mit einem sogenannten private bus unterwegs, in dem sich überwiegend verschleierte Frauen und kichernde Schuldmädchen befinden. Auch das ist eine angenehme Abwechslung. Am Straßenrand werde ich mitten in der Pampa rausgelassen und laufe quietschvergnügt durch die Kaffeeplantage zu einem weiß-lila gestrichenem Haus an dessen Rückseite mir ein unfertiges Wandgemälde auffällt, das sagt „to be in the moment is the miracle“, also „im Moment zu sein ist das Wunder“. „So wahr!“ denke ich mir und setze mich nach dem einchecken auf eine Bank, zu der kurze Zeit später eine große, rotgelockte Amerikanerin kommt um mit mir ein Gespräch anzufangen. Es stellt sich heraus, dass sie die Künstlerin an der Wand ist und ebenfalls vor hat eine Yogalehrerausbildung in Rishikesh zu absolvieren, das auch noch zur selben Zeit und gleich alt/jung sind wir ebenfalls. Sie fragt mich noch am selben Abend, ob ich ihr nicht beim Malen helfen möchte und so schnell kann sie gar nicht schauen, wie ich morgens darauf den Pinsel schwinge. Wir verbringen den ganzen Tag an der Wand, lauschen meinen Reggae Playlists, bekommen von den Hosteljungs Kokoswasser frisch aus der Nuss kredenzt und erinnern uns immer wieder gegenseitig daran, wie wundervoll ironisch die Aussage ist, der wir gerade Farbe verleihen. Und als wäre das alles dem Guten noch nicht genug, hat das Haus einen ausgebauten Dachboden, auf dem wir morgens gemeinsam meditieren und ich abends meiner intensiven Yogapraxis nachgehen kann. Ich habe ein gazes Sechsbettzimmer mit Bad für mich alleine und wache morgens mit der Sonne zu Vogelgezwitscher und Froschgequake auf. Selbst für Essen muss ich das Gelände nicht verlassen, hier wird 3mal am Tag frisch gekocht und man isst für knapp 2€ so viel Vegetarisches bis man satt ist. Ein bisschen mehr als ein Tag im Paradies. In dieser Stimmung lässt es sich wunderbar weiterreisen, ich bin voller Vorfreude auf Goa.

*Was mich wenig überrascht, aber doch sehr amüsiert: Die Inder sind verrückt nach Selfies, deswegen hat dieses Handy tatsächlich eine 24MP (Megapixel) Kamera vorne und nur eine 16MP Kamera hinten für die Bilder, die wir als normal ansehen.

**Der Chai, den wir kennen hat wenig mit dem zu tun, was man hier (zumindest in Südindien) bekommt. Es ist im Grunde einfach schwarzer Tee mit Milch und viel Zucker. Im Chai Masala ist zusätzlich eine Gewürzmischung, die mal mehr mal weniger scharf ausfällt und das Getränk durchaus interessanter macht.

 

18.-24.02. 2018 - Vom Wassertourismus zurück in die Berge

(Alleppey -> Kochi -> Ooty)

Kurz nach meinem letzten Post hat‘s mich doch tatsächlich endlich erwischt – die erste Lebensmittelvergiftung. Glück im Unglück, dass wir noch in Munnar, in einer recht familiären Pension untergebracht waren. Somit wurde ich einen Tag lang bestens mit heißem gesalzenen Reiswasser und Porridge für schnelle Besserung versorgt. Aber der Porridge hatte wenig mit der Hafergrütze zu tun, die wir so kennen. Es war eher eine Art dünner Milchpudding mit viiiieeeel Kardamom. Ich liebe Kardamom. Jetzt nicht mehr ganz so sehr um ehrlich zu sein, da ich zusätzlich noch pur darauf rumkauen musste, aber immerhin war ich einen Tag später top fit.

Es war also absolut in meinem Interesse jetzt einen touristischeren Ort aufzusuchen um eine halbwegs magenfreundliche Diät einhalten zu können. Denn mit selber kochen ist hier nach wie vor nix. Wenn man überhaupt Märkte findet, in denen man alle Zutaten und Gewürze in unter zwei Stunden zusammengekauft bekommt steht man am Ende doch in einer Hostelküche mit stumpfen Messern und Gerätschaften, die man erstmal erklärt bekommen sollte. Ich vermisse das kochen sehr, aber dieser Aufwand ist mir auf Reisen dann doch zu viel, da ich im Moment selten mehr als zwei volle Tage an einem Ort verbringe. Umso angenehmer, dass das Hostel in Alleppey an der Westküste ein Frühstück mit Omelette und Toast im Preis inbegriffen hat. Und auch sonst ist dieser Ort, besonders in Strandnähe, recht touristenorientiert.

Wir wollten auf jeden Fall eine Bootstour machen, so viel stand fest. Also buchten wir über das Hostel eine Kanufahrt in den berühmten Backwaters inklusive indischem zweiten Frühstück und Mittagessen. Dazwischen: viel Wasser, viele Boote, alle vollgestopft mit Touristen. Auf den großen Kanälen sieht man Hausboote, die, wie Kate richtig feststellte, an schwimmende Picknickkörbe erinnern. In den schmaleren Gewässern schippern im Grunde nur Touristen in Kanus umher und schauen den Einheimischen beim Wäsche waschen und Zeitung lesen zu. Aber alles in allem war es eine sehr entspannende Tour und beim Essen vom typischen Bananenblatt statt Teller* musste ich lediglich die zu scharfen Soßen auslassen.

            

Am zweiten Tag gingen wir noch etwas shoppen und zum schöneren Strand der Stadt, Marari Beach, wo ich feststellen musste, dass ich definitiv kein Strandmensch mehr bin. Es gab Palmen, gelben Sand, Sonnenschirme, Stühle, Restaurants und eigentlich alles, was man so braucht um sich wohlzufühlen. Ich glaube nicht, dass es an den vielen Menschen oder den Straßenhunden lag, dass ich dort nicht entspannen konnte (an beides gewöhnt man sich schließlich irgendwann), sondern ich glaube, ich bin in den Bergen einfach besser aufgehoben. Damit stand für mich fest, dass der nächste Ort wieder bergig sein muss, was für Kate und mich eine jähe Trennung bedeutete. Aber erst ging es noch für einen Tag gemeinsam ins nahegelegene Kochi, genauer in den Stadtteil Fort Kochin. Wunderschön! Zwischen Fischernetzen und westlichen Cafés lässt es sich prima bummeln und gucken. Hier ist es vergleichsweise sehr sauber und beschaulich und ich werde wieder Fan von Tourismus. Denn auf der Strandpromenade gab es endlich auch ein typisches Urlaubsszenario: Sonnenbrillen, Hüte, Schmuck, Schnickschnack und Fischrestaurants. Und nach dem Abendessen hieß es dann „Byebye for now“. Ab jetzt geht es alleine weiter.

Am nächsten Morgen konnte ich es kaum abwarten mich auf den Weg zum Bus nach Ooty zu machen. Ooty ist ein kleinerer Ort in den Bergen. Nett und wuselig mit außerordentlich hilfsbereiten Einheimischen. Und unfassbar kalt. Ich hatte noch mein 30°C-Outfit aus Kochi an und war nicht schlecht überrascht am späten Nachmittag bei 12°C zu bibbern. Also ging’s ganz flott mit dem Auto** ins 5km entfernte Hostel mitten im Nirgendwo, am Hang zwischen Teebäumen. Da es rundherum keine Einkaufsmöglichkeiten gibt werden drei frischgekochte Mahlzeiten am Tag angeboten, typisch indisch und hervorragend, es gibt einen Hostelhund und alle Anwesenden schwingen in einer familiären Atmosphäre. So verbrachte ich den gesamten nächsten Tag mit einem indischen Pärchen, das ich am Abend zuvor kennen lernte. Sneiha und Sujoy aus Bangalore nahmen mich mit ins Dörfchen Coonoor, wo wir zu dritt mit dem Auto von einem Aussichtspunkt zum anderen fuhren, Affen beim Lausen beobachteten, erklärt bekamen, wie Teebaum- und Eukalyptusöl hergestellt werden, Tee verkosteten und wieder außerordentlich gut aßen. Was für eine tolle kühlende Auszeit. Nach wei Nächten in Wollsocken und Fleecepullover (zum Glück sind die noch im Rucksack) geht es morgen dann zum nächsten buchstäblichen Hotspot, Mysore. Ich bin gespannt.

* Traditionell isst man in weiten Teilen Südindiens mit den Händen von einem mit Trinkwasser gewaschenen Bananenblatt. Mancherorts werden für Neulinge aber auch Löffel gereicht.

** Mir wurde zugetragen, dass die motorisierten Dreiräder, die man aus den meisten Asiatischen Ländern kennt, nur für Touristen "TukTuk" genannt werden. Tatsächlich haben sie in jedem Land einen anderen Namen, hier scheinbar offizieller Auto. Nicht zu verwechseln mit dem deutschen "Auto", das hier im Sinne von Taxi cab oder ganz normal car genannt wird. Taxi dagegen kann eigentlich alles sein, das für Geld fährt. Uber ist ebenfalls recht bekannt und wird häufig genutzt. Man kommt also immer voran, egal mit was genau.

12.-18.02. 2018 - Atemberaubende Aussichten

(Madurai -> Munnar)

Mit dem Nachtbus in Madurai angekommen verbringen wir den Rest der Nacht in der Hostellobby auf dem Boden. Daran sind wir aber schon fast gewöhnt und da wir nichts dafür zahlen müssen, beschweren wir uns auch nicht. Tee und WLAN sind auch sofort verfügbar. Auf WLAN für Reiseplanungen und Buchungen angewiesen zu sein stört mich hier schon sehr, denn in Chennai hatte ich für umgerechnet ca. 7€ eine SIM Karte mit 80 Tagen Guthaben gekauft, die 1GB Datenvolumen AM TAG beinhaltet. Das könnte ich selbst mit Netflix auf dem Handy rund um die Uhr nicht aufbrauchen. Aber leider tut sich bei meiner Karte nichts, deswegen bin ich ganz froh nochmal in einer größeren Stadt zu sein. Madurai ist schließlich die viertgrößte im Staat Tamil Nadu, der vor allem für seine Tempel bekannt ist. Und genau dort gehen wir am ersten Tag hin: Zum beeindruckenden Minakshi-Tempel. Auf dem Weg spricht uns ein älterer Herr an, wir sollen die gesamte Tempelanlage vom Dach seines Geschäftes aus anschauen und fotografieren, ohne dafür zahlen zu müssen. Nach längerem Zögern nehmen wir das Angebot dankend an und werden auf’s Dach und dort auf eine extra hochgebaute Terrasse geführt und tatsächlich – die Aussicht auf wohl insgesamt 16 bunte Tempeltürme verschlägt uns kurz die Sprache. Nur ein „Wow!“ rutscht mir raus. Ungefähr in der Mitte befindet sich der Haupttempel mit goldener Kuppel, der aber wohl nur für Hindus zugänglich ist. Nach einigen Bildern bedanken wir uns herzlich und haben ein schlechtes Gewissen, da wir auf dem Weg nach unten leider keine Holzschnitzereien oder Teppiche aus Höflichkeit kaufen. Karma -1. Vor der Tür des Tempeleingangs klebt uns eine alte Dame jeweils einen roten Punkt zwischen die Augenbrauen, was wohl für die Wertschätzung der weiblichen Schönheit steht (wie mir der Wachmann später verrät), nett von ihr. Dann müssen noch Schuhe und Kameras am Schließfach abgegeben werden und rein geht’s. Innen kann man ohne Guide (wir sind zu geizig dafür) und mit schwachen Hinduismuskenntnissen nur erkennen, dass alles weiterhin schön bunt ist, gerade eine Zeremonie stattfindet und Shiva, Shakti und Ganesha allgegenwärtig sind. Es gibt ein großes Wasserbecken, zu dem Treppen nach unten führen und einen Kuhstall in der Außenanlage, der mir erst beim rausgehen auffällt. Alles in allem schön anzusehen, aber mit Hinduismus sollte ich mich auf jeden Fall mehr beschäftigen, wenn ich hier länger bleibe. 

 Am nächsten Tag besuchen wir zuerst einen Telefonshop um meine SIM Karte endlich in Gang zu kriegen und dabei erfahre ich, dass ich beim ersten Kauf scheinbar an den unfähigsten oder gerissensten Airtel-Verkäufer in Chennai geraten bin. Dass ich im offiziellen Laden war macht da wohl keinen Unterschied, denn meine Daten sind nie bei Airtel angekommen. Der Typ hat scheinbar einfach das Bargeld eingesteckt und die Karte nie aktiviert. Dass es anderen, die an dem Tag dabei waren, ähnlich geht tröstet mich nur wenig. Naja, wenigstens jetzt kriege ich für mein zum zweiten Mal gezahltes Geld, was ich erwarte: Service, Lächeln, 1GB am Tag. Und zur Belohnung gehen wir direkt zum Gandhi-Memorial-Museum, welches nicht nur schön gestaltet, sondern für uns auch sehr aufschlussreich über die Geschichte Indiens ist. Die Denk- und Handlungsweise dieses Mannes hat die Welt, wie wir sie heute kennen, scheinbar leider weit weniger geprägt als angebracht. Ich werde mir eine dicke Scheibe Ahimsa (Gewaltfreiheit) von diesem Besuch abschneiden und freue mich über den Verlauf dieses Tages, wobei ich noch gar nicht wissen kann, dass das Beste noch kommt.

Denn wir sind mit einem Franzosen und einem Kanadier für einen Nachmittagsausflug auf’s Land (ca. 10km vom Zentrum entfernt) verabredet, für den wir ein Taxi zu viert teilen können. So sind es für jeden nur 87 Cent. Als Backpacker muss man schließlich sehen, wo man bleibt… Der Fahrer lässt uns am Fuß eines Berges, der an Uluru (Ayer’s Rock) in Australien erinnert, aussteigen. Dort befindet sich wieder ein kunterbunter Hindutempel, von dem aus man barfuß in den Fels gehauene Stufen erklimmt. Auf halber Strecke befinden sich ca. 1500 Jahre alte in Stein gehauene Kunstwerke und kleine Schluchten, die an ein Herr-der-Ringe-Szenario erinnern. Und ganz oben, was soll ich sagen… Wieder nur ein „Wow!“.

Am Valentinstag verabschieden wir uns von unseren neuen Freunden und ziehen weiter in die Berge, nach Munnar im Staat Kerala. Hier beziehen wir ein gemütliches Doppelzimmer für kleines Geld mit Eimern statt Duschkopf, Wellblech statt Dach und einem Jesus-Portrait über der Tür*. Aber alles sehr freundlich, vor allem der Eigentümer und seine super hilfsbereiten Mitarbeiter. Und die Aussicht von der Terrasse – nun… Dieser Beitrag trägt den Namen nicht ohne Grund.

 Ich lasse mich von Kate überreden statt privatem Sightseeingtaxi mit ihr auf einen Motorroller zu steigen obwohl meine letzte Fahrt (ungelogen) mindestens 15 Jahre her ist und sie bisher auch nur einmal gefahren ist. Aber no risk, no fun, ich hab ja Urvertrauen in alles Positive. Uaaahhhhh…. Nachdem ich mich zu Beginn nicht mal getraut habe auch nur zu üben bin ich überrascht wie schnell ich tatsächlich Vertrauen in Kate’s Fahrkünste entwickle. Mir bleibt aber auch nichts anderes übrig, schließlich will ich die Gegend ja unbedingt sehen und ich werde nicht enttäscht: Ein WOOOOOW! nach dem anderen. Es geht zwei Tage lang durch saftig grüne Teeplantagen, an zwei Staudämmen vorbei durch verschiedenste Wälder, an Abhängen (Uaaahhhh) entlang bis in karge, steppenähnliche Landschaften mit Kakteen-Bäumen und Zypressen. Leider haben wir keine Elefanten zu Gesicht bekommen, dafür aber lange Gespräche mit einheimischen Café-Betreibern über den Untergang der Welt diskutiert, während wir auf der anderen Seite der Schlucht einen Waldbrand beobachteten. Wir haben eine Teeplantage besichtigt (mit Verkostung natürlich), diverse Fotoshootings für soziale Medien gemeistert und uns einen fetten Sonnenbrand in Visiergröße des Sturzhelmes zugezogen. Achso. Und gefahren bin ich natürlich auch mal. Zuerst beim umlenken direkt in den Graben (zum Glück waren sofort 5 lachende Inder hilfsbereit zur Stelle) und dann noch ca. eine halbe Stunde wild hupend durch die Berge. Fahrpraxis hab ich jetzt also. Dann kann’s morgen nun auch weitergehen nach Alleppey, schneller als gedacht schon an die Westküste Indiens. 

*Das Christentum ist hier sehr präsent, Jesus ist buchstäblich überall, dafür sind kleine Hindutempel trotz der Farbenvielfalt kaum zu sehen. Aber uns wurde auch schon vorher häufiger gesagt, dass in Indien im Grunde jeder Staat wie ein eigenes Land ist mit eigener Sprache, eigenem Essen und so weiter. Deswegen gibt es auch überraschend viele indische Touristen.

09.-11.02.2018 - Wilde Busfahrten und ein rasierter Kopf

(Pondicherry)

Nachdem ich in Chennai noch ein paar Kontakte geknüpft und mir gleich 2 neue Tattoos* stechen lassen habe, machte ich mich mit Kate, meiner ebenfalls deutschen Begleitung für die nächsten Tage, auf den Weg zum zweiten Ziel: Puducherry, auch Pondicherry oder nur Pondi. Dort hin fahren sogar neue klimatisierte Busse, mit denen man recht schnell (maximal 3h) dort ist. In so einem saßen wir nicht. Nein. Wir wurden stattdessen zur Busstation geschickt, von der die billigsten Busse der Einheimischen fahren. Die, die ich schon vorher erwähnt hatte, die fast auseinanderfallen, unglaublich laut sind und mit Feinstaubbelastung brauch ich in Indien ja sowieso nicht anfangen. Alles nicht so schlimm, wären da nicht unsere gefühlten 300kg mannsgroßes Gepäck dabei gewesen. Kate’s Koffer wurde recht schnell neben dem Fahrer untergebracht, meins nahm ich mit in die letzte Reihe. Was wir nicht wussten: Der Bus würde noch so voll werden, dass viele Leute stehen mussten. Mein Rucksack nahm ca. 3 indische Stehplätze ein, wofür ich natürlich entsprechend beäugt wurde. Die Situation entspannte sich etwas nachdem ich ihn einfach als zusätzlichen Sitzplatz anbot. So fuhren wir mit offenen Fenstern, ohne Tür, dafür mit viel Körperkontakt 4 Stunden durch die Dunkelheit bis wir endlich in Pondi ankamen und direkt ins Bett fielen.

In 4h im Klapperbus hat man recht wenig zu tun. Also versuchte ich endlich ein System im indischen Straßenverkehr zu finden. Eins ist sicher, hier gilt im Grunde genommen Linksverkehr. Meistens. Und es wird gehupt. Viel, aber nicht immer. Ich denke eher, es dient der Kommunikation. Einmal hupen – Obacht, ich biege links ab! Zweimal hupen – Obacht, ich biege rechts ab! Auf gerader Strecke hupen – Platz da, ich überhole von irgendeiner Seite! Neben fußläufigen Touristen hupen – Fahrt bei mir mit und zahlt mir doppelt so viel, wie ich eigentlich verlangen müsste! Und wichtigste Regel noch vor Betätigung der Hupe: NIEMALS in den Rückspiegel schauen! Am besten alle Spiegel direkt ausbauen, die braucht man sowieso nicht. Vorwärts immer, rückwärts geht eh nicht! Denn Sicherheitsabstand heißt lediglich nicht ganz drauffahren. Eigentlich recht einfach, oder? Ich meine bei so vielen Menschen würden unsere deutschen Regeln für deutlich mehr Chaos sorgen als wenn jeder ohnehin direkt tut, was er will. Da sind für einen Moment alle gleich und alle müssen über die selben Wege (hupen und tatsächlich Arm raushalten, wenn kein Blinker dran ist) kommunizieren. Deswegen funktioniert’s auch.

Aber zurück zu Pondi. Nach einer Nacht im Doppelzimmer mit 1,40er Bett ging’s erstmal raus zum Ort erkunden. Was mir hier direkt auffiel: In Indien ist selbst jeder kleinste auf der Landkarte eingezeichnete Ort eigentlich eine Stadt mit einer Mindesteinwohnerzahl von 100.000 Menschen.** Entsprechend ist auch Pondi erstaunlich groß und zum ersten Mal wird uns vom Guesthouse Eigentümer eine Ausgangssperre auferlegt. Ab 23Uhr sollen weibliche Gäste besser „zuhause“ sein. Nett von ihm, denn er schaut tatsächlich nachts nochmal nach dem Rechten bevor er in den Feierabend geht. Neben belebten Märkten, gut besuchten Stränden und einem netten Park bietet Pondicherry aber noch eine größere Attraktion: Auroville, eine Kommune mit mehr als zweieinhalbtausend Einwohnern, einem goldenen Tempel und erstaunlicher spiritueller Energie. Leider fehlt uns hier die Zeit uns tiefgründig mit diesem Ort zu beschäftigen, wir wollen ja noch viel mehr sehen, aber der Gedanke, dass es da einen so großen autarken Ort gibt, wo 52 Nationen zusammen leben ohne Geld und ohne Kult, begeistert mich schon sehr. Auch, wenn es Stimmen gibt, die behaupten, das wäre alles nur Fake nach außen, ich glaube an die Kraft, die von diesem Fleckchen Erde ausgeht und so schlafe ich seelig auf meiner Matratze auf dem Küchenboden des Guesthouses ein, denn am Samstagabend sind alle Betten bereits belegt.

 

Heute, Sonntag, 11.02., ist es wieder heiß und Kate und ich haben letzte Nacht beschlossen von hier direkt nach Madurai weiterzureisen. Der Bus fährt erst am späten Abend, also machen wir uns tagsüber nochmal auf die Socken die Stadt noch weiter kennen zu lernen. Sonntage in Indien sind der Hammer! Man hat das Gefühl alle indischen Familien machen sich extra chic um diesen freien Tag zu genießen. Als wir von Märkten, Strand und Park zurück kommen sind es noch einige Stunden bis Abfahrt. Da kommen wir mit einem Norweger und einer Amerikanerin, die Sidecut trägt ins Gespräch und beschließen mir endlich den Kopf zu rasieren, denn das wollte ich schon immer mal machen! Für Haare ist es sowieso viel zu heiß! Gesagt getan, nach kurzem Ausrutscher meinerseits ohne Aufsatz nimmt der angetrunkene Norweger die Aufgabe an und die hippe New Yorkerin erledigt den Feinschliff. Kate filmt, ich lache, Frisur sitzt, Video folgt. Gleich geht’s nach Madurai und ich bin gespannt auf den Sleeper Bus, in dem jeder eine Schlafkabine hat.

*Ich bin nicht völlig verrückt, dort gibt es einen unglaublich talentierten Japaner, der mit brandneuen Methoden arbeitet, die eine exzellente Heilung -selbst hier in Indien- versprechen.

**Im Vergleich zu Australien: Dort ist ein Ort mit 10.000 Einwohnern so groß eingezeichnet, wie bei uns z.B. Berlin oder Hamburg.

 

06.-09.02.2018 - "Welcome to crazy!"

(Chennai)

Als ich gestern noch durch's Thüringer Winterwunderland fuhr, dachte ich: "Hm, kaum vorstellbar, dass ich morgen um die Zeit im Süden Indien's schwitzen werde." Dann kam der Abschied von den Eltern, der Check In, noch ein paar letzte Telefonate zum normalen Tarif und Grüße auf Facebook. Und dann endlich das Boarding. Eigentlich schon Routine, da ich viel reise, aber trotzdem jedes Mal wieder ein Moment, in dem ich realisiere - wenn ich aus der Maschine aussteige gibt's kein zurück. Juhu!

Die Flüge (Frankfurt - Delhi - Chennai) mit Air India waren unspektakulär, das Personal freundlich, aber bestimmt, der Platz wie immer zu knapp aber machbar, ein Kissen, eine Decke, Entertainmentprogramm für Groß und Klein. Nur eine Sache fiel auf: Anstatt dem mir bekannten Sitzaufkleber "Bitte für Mahlzeiten wecken!" gab es ein bestimmtes und unüberhörbares EXCUSE ME, MISS von der Flugbegleitung und zack war ich zum dritten Mal aus dem Traum gerissen. War aber lecker, mein Bäuchlein hat's ihnen auch gedankt. :)

Und irgendwann kommt dann dieser Punkt am Rande der völligen Erschöpfung. Der, an dem man hofft schnell den Stempel im Pass zu haben und fix durch den Zoll zu kommen, damit man sich mental ganz auf die Kür, das große Finale der Hinreise, vorbereiten kann - den Weg vom Flughafen zur Unterkunft. Uahhhhh. Zum Glück hatte mir meine nette Sitznachbarin schon erklärt, dass ich zum Prepaid Taxi Schalter gehen soll, damit ich nicht über's Ohr gehauen werde. Nun. Einer hat's versucht, der andere hat's geschafft. Für umgerechnet ca. 5€ wurde ich von einem älteren Herren ins Taxi eines jüngeren Herren gesetzt und bevor mir auffallen konnte, dass diesem Vehikel beide Seitenspiegel sowie Gurte und jegliche Form von Sicherheitsmaßnahmen fehlen, ging's auch schon los. Uahhhhh. Nach ein paar Minuten Fahrt gab mir der Fahrer mit unverständlichem Bröckchenenglisch und einem Blick zwischen Verzweiflung und Freundlichkeit zu verstehen, dass er eigentlich gar nicht so richtig weiß, wo er nun hinfahren muss. Uahhhh. Der ältere Herr hat ihm nämlich nur meine Quittung mit dem ungefähren Stadtteil in die Hand gedrückt. Also fahren wir auf einer dreispurigen Hauptstraße, die ungefähr zenspurig befahren wird erstmal ganz links neben einer Kuh und einem schlafenden Mopedfahrer ran und telefonieren nach einander über sein Handy mit dem Hostel während hinter uns wild gehupt wird. Uahhhh. Zum Glück verstehen sich die beiden wenigstens am Telefon. Weiter geht die wilde Fahrt.

Die Missverständnisse zwischen dem Hostelrezeptionisten, dem Taxifahrer und mir führen zu einer unfreiwilligen einstündigen Stadtrundfahrt mit Aussicht auf alles. Familen, die zu dritt ohne Helm auf einem Motorroller durch erwähnten zehnspurigen Verkehr düsen, LKWs und Busse, die in Polen seit 20 Jahren auf dem Schrottplatz liegen würden und trotzdem noch irgendwie Menschen und Ladung transportieren, kopfgeschmückte Kühe, die fast schon majestätisch auf dem Gehweg am Verkehr vorbeischreiten, Hunde und sogar Schweine, die weniger majestätisch wirken, und ein unübersichtliches Gewusel aus allen möglichen motorisierten Untersätzen, Fahrrädern und Fußgängern. Jeder ist sich selbst der nächste. Alle, die können, hupen wie verrückt. Verkehrsregeln bilden im Grunde nur grobe Rahmenbedingungen. Aber irgendwie funktioniert's und alle (inklusive meiner Wenigkeit) überleben. Puh.

Im Hostel angekommen (Begrüßung "Oh, you come from Germany?! Welcome to crazy!"), eingecheckt und geduscht gehe ich noch mit meiner Zimmernachbarin um die Häuser um den Bauch für weniger als einen Euro mit frittierten Köstlichkeiten und Ingwertee zu füllen. Danach gibt's im Gemeinschaftsraum des Hostels noch Sauerdatteln (sweet Tamarind) und gepuffte Seerosensamen (Makhana) zum snacken während sich Backpacker aller Nationalitäten zu uns gesellen. Was für ein Start!

Fazit des ersten Tages: Ich liebe Indien! Zumindest das, was ich bisher davon erleben durfte. Klar gibt es Armut, stinkende Ecken, Straßenhunde und gewisse Spielregeln für Besucher. Aber insgesamt ist alles halb so wild, wenn man entspannt, freundlich, achtsam und halbwegs nüchtern bleibt, denke ich. Dafür ist es bunt, lebendig, warmherzig und einzigartig. Und anders eben.

Sweet TamarindStreetfood (Samosa etc.)Chillout

31.01.2018 Vorbereitungen im Schietwetter

(Osnabrück)

In weniger als einer Woche geht es los... Der Rucksack ist zum Teil schon gepackt und nun werden die letzten vorbereitenden Wege noch erledigt. Aufregung und Vorfreude steigen ins Unermessliche, vor allem, da es in Osnabrück mal wieder wie aus Gießkannen regnet.

Um dem Schietwetter in kürzester Zeit mit guter Laune entgegenzuwirken empfehle ich folgende Übung: aufrechter Stand, lächeln, rhytmische Musik mit mindestens 120BPM  (beats per minute) laut aufdrehen und anfangen locker zu wippen und zu hüpfen (1-3 Min.), dann das hüpfen in schüttteln und schließlich tanzen übergehen lassen und immer weiter physisch lächeln (nochmal 1-3 Min.), Atem ggf. dem Rhythmus anpassen (ohne Druck oder Zwang), weiter lächeln und dabei die Zähne zeigen (lachen ist auch ok), dann mindestens eine Minute lang stehen bleiben, bewusst Becken, Schultern und Gesicht entspannen, Augen schließen und den ganzen Körper spüren